Social Media
Das knappe Wort ist Sondermüll

EDV Laptop Smartphone

US-Präsident Donald Trump sorgt mit seinen täglichen Twittern regelmäßig für Verwirrung und Zündstoff. Die Fachzeitschrift »Computer und Arbeit« (CuA) 7-8/2017 hat Prof. Dr. Ottmar Ette über die »Kürzesttexte« befragt. Er ist Literaturwissenschaftler an der Universität Potsdam und forscht über 140 und auch mehr Zeichen.

Müssen wir uns auf diese Art der Kommunikation im digitalen Zeitalter einstellen?

Wir haben uns alle bereits darauf eingestellt und funktionieren bestens. Nur so lässt sich der gewaltige Erfolg dieser Art kommunikativer Einflussnahme erklären. Und zwar nicht nur bei einem breiten Publikum, das Trump nicht zuletzt dank zielgenau gesteuerter Bots ins Präsidentenamt wählte – oder bekanntlich auch beim Brexit durch gezielte Kürzestnachrichten „informiert“ wurde. Erfolgreich ist die Methode längst auch bei Politikern, Militärs, Ökonomen: Trump zeigt, wie man mit Hilfe von Kurz- und Kürzesttexten Außenpolitik, Bündnis- und Militärpolitik oder Wirtschaftspolitik treiben und vor sich hertreiben kann. Noch immer finden sich Trumps Tweets, die selbstverständlich nicht nur von ihm persönlich stammen, regelmäßig in Schlagzeilen wieder, für die sie gewiss auch gemacht sind. Wir haben es meist mit einer intelligenten Herstellung von Dummheit zu tun. Kürzestnachrichten haben eine lange Geschichte, die stets mit Macht und Machtausübung zu tun hat. Sie beginnt vor spätestens 5.000 Jahren in Mesopotamien, erweist sich aber gerade im digitalen Zeitalter dank der Möglichkeit, in real time eine riesige Zahl an Menschen zu erreichen, als besonders effizient. Wir haben uns also längst darauf eingestellt, aber gegen dieses Gift noch kein wirksames Gegen-Gift entwickelt.

 

Wohin führt diese Verknappung der Worte?

Wir haben es mit einem komplexen Mechanismus zu tun, der in der Facebook-Gesellschaft mit ihren Formen und Normen weltweiter Kommunikation ganz einfach funktioniert. In meinem Buch, das ich gerade schreibe, gehe ich darauf ein: Trumps Tweets sind Setzungen. Sie diskutieren nicht, sie argumentieren nicht, sie erzählen nicht: Sie setzen etwas fest – auch und gerade in unseren Köpfen. Populistisch? Klar, aber intelligent. Wir müssen diese Setzungen also ent-setzen: als Setzungen kenntlich machen und entsorgen. Mit Hilfe einer einzigen Twitter-Nachricht wird etwa versucht, ein Vierteljahrhundert sorgfältige Klimafolgenforschung wegzuwischen. Nicht ohne Erfolg. Es handelt sich nicht nur um eine Verknappung der Worte, sondern um eine Verkappung: Die wenigen Worte verheimlichen, dass sie zumeist auf nichts anderem beruhen als auf einer Setzung, die einen Gegen-Satz herstellt zu etwas, mit dem sie sich auf dieselbe Augenhöhe begibt. Sie setzen gut und böse, richtig und falsch. Trumps Sätze enthalten eine Vielzahl von Leerstellen, die unterschiedliche Menschen unterschiedlich deuten können: Wir füllen diese Leerstellen mit Bedeutungen, welche die Setzungen mit unserem Denken, mit unseren Meinungen, mit unseren Gefühlen verbinden. So wächst die Gefahr, dass wir an diesen Leerstellen Trump – oder anderen Kurztextern  – buchstäblich auf den Leim gehen.

Welchen Ausweg sehen Sie?

So wie wir der Atmosphäre Luft zum Atmen entnehmen, die wir brauchen, entnehmen wir der Logosphäre die Worte und Logiken, deren wir uns bedienen. Wir müssen lernen, Trumps Tweets als sprachlichen Sondermüll zu behandeln und nachhaltig zu entsorgen. Die Verwandlung von Tweets in Headlines ist dümmlich und gefährlich. Die Herstellung massenhafter Dummheit geht intelligent vor: Wir brauchen für unseren Schutz vor sprachlichem Sondermüll also intelligente Verfahren. In unserer vielvernetzten Welt müssen wir viel stärker als bisher ein viellogisches Denken entwickeln: ein Denken in verschiedenen Logiken gleichzeitig. Wir müssen übrigens auch vielsprachig bleiben: Der Monolinguismus, die Einsprachigkeit einer englischsprachigen Welt ist gefährlich und führt zum Monologismus: zu scheinbar alternativlosem Denken. Die Literaturen der Welt sind Laboratorien viellogischen Denkens. Kürzesttexte und Macht: Das ist eine alte Geschichte. Wir müssen sie uns und anderen bewusst machen: die Setzungen entsetzen.

Mehr zu diesem Thema lesen Sie im Magazin der »Computer und Arbeit« (CuA) 7-8/2017, Seite 6-7.

© bund-verlag.de (lu)

Bildquellen

  • EDV Laptop Smartphone: © littlestocker / Foto Dollar Club

Ein Kommentar

  1. Das sind interessante Ansätze, die aber diejenigen erreichen müssen, die den Sondermüll als Headline in die Medien heben.
    Sondermüll finde ich gut, als Ausdruck für den Quark, den man da dauernd vorgesetzt bekommt.
    Außerdem wird in dem Artikel sehr schön mit Sprache umgegangen und gezeigt, was machbar ist, und wo wir wachsam sein und bleiben müssen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.