Konzernbetriebsrat der MM Graphia Beteiligungsgesellschaft GmbH

Gründung eines Konzernbetriebsrats gegen alle Widerstände

Motiv
Die Mayr-Melnhof Gruppe mit der Zentrale in Wien ist der weltweit größte Hersteller von Recyclingkarton sowie Europas führender Hersteller von Faltschachteln. Diese Leistungen werden in den beiden operativen Segmenten MM Karton und MM Packaging geführt und vertrieben. Die MM Graphia Beteiligungsgesellschaft GmbH in Bielefeld gehörte früher zum Segment MM Packaging, wurde aber zwischenzeitlich davon abgespalten. MM Graphia ist derzeit mit 5 Standorten in Deutschland vertreten.
Die Mayr-Melnhof-Gruppe kaufte in Deutschland 11 Faltschachtelunternehmen auf oder gründete sie neu. Die einzelnen Betriebsräte versuchten, ihre Zusammenarbeit mithilfe von ver.di zu organisieren; 2005 gründeten sie zusammen mit den englischen Kollegen einen Europäischen Betriebsrat. Dies gegen den heftigen Widerstand der Konzernspitze.
Im Laufe der Jahre spielte der Arbeitgeber die einzelnen Betriebsräte und Betriebe immer wieder gegeneinander aus, daher entschieden sich die Betriebsräte 2010, einen Konzernbetriebsrat zu gründen. Ziel war, sich durch einen Konzernbetriebsrat besser untereinander austauschen und sich gegenseitig Hilfe leisten zu können.

Vorgehen
Der Arbeitgeber unterstützte einen Konzernbetriebsrat in keinster Weise. Um einen Kompromiss zu finden, schlugen die Betriebsräte dem Vorstandsvorsitzenden des Konzerns daher vor, den Betriebsräten zumindest die Möglichkeit zu geben, sich regelmäßig zu treffen.
Der Arbeitgeber lehnte diesen Vorschlag aber ab. Daher musste der Betriebsrat vor Gericht gehen, um den Konzernbetriebsrat gerichtlich durchzusetzen. Mit Urteil entschied das Arbeitsgericht Pforzheim, dass die Betriebsräte den Konzernbetriebsrat korrekt errichtet hatten. Das Gericht stellte hierbei fest, dass ein Konzernbetriebsrat auch dann gebildet werden kann, wenn die Konzernspitze zwar im Ausland ihren Sitz hat, die Geschäfte in Deutschland aber über eine deutsche Holding führt.

Ergebnisse
Nachdem der Arbeitgeber vor Gericht unterlag, entschied sich die Konzernspitze gegen eine Zusammenarbeit mit dem Konzernbetriebsrat und spaltete stattdessen den deutschen Druckereibereich auf: Aus dem Segment „Packaging“ wurde der Bereich Packaging mit drei Standorten und der Bereich Graphia mit 5 Standorten. Dadurch blieb dem Bereich Graphia der Konzernbetriebsrat erhalten, dem Bereich Packaging ging er aber verloren, da dieser die Kriterien nicht mehr erfüllte.
Darüber hinaus rieb der Arbeitgeber die Vorsitzenden des Konzernbetriebsrats auf und versuchte auf diesem Weg, die Auflösung des Konzernbetriebsrats zu erreichen. Dies gelang teilweise: 4 Vorsitzende bzw. stellvertretende Vorsitzende gaben nach kurzer Zeit ihren Vorsitz auf, die letzte Vorsitzende erhielt in nur einem Jahr 6 Abmahnungen. Das Unternehmen erhielt für dieses Verhalten vom Netzwerk Soziale Verantwortung auch den „Schandfleck des Jahres 2012“, den das Netzwerk 2012 zum ersten Mal verlieh.
Trotz dieses Vorgehens des Arbeitsgebers bemühen sich die verbliebenen Betriebsräte, weiterhin mit den abgespaltenen Betrieben zusammenzuarbeiten. Dies geschieht durch den Austausch von Informationsmails, durch Telefonate und durch die Teilnahme an gemeinsamen Seminaren.

 

Eine Initiative der Zeitschrift

AIB

Aus der Jury

Jochen Schroth » Die Verleihung des Deutschen Betriebs-rätepreises ist ein gelungenes Format, die hervorragende Arbeit vieler Betriebsrätinnen und Betriebsräte einmal in Jahr auszuzeichnen und zu würdigen. Und es ermöglicht Betriebsräten, von guten Ideen anderer zu profitieren und sich inspirieren zu lassen.«

Jochen Schroth, Ressortleiter Vertrauensleute und Betriebspolitik beim IG Metall-Vorstand