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Büroarbeit

Bewegung im Büro

11. Juni 2018
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Quelle: pixabay

Dauersitzen ist eine Fehlbeanspruchung in der modernen Arbeitswelt: Das Muskel-Skelett-System verkümmert, der Stoffwechsel leidet, Übergewicht und Diabetes nehmen überhand. Im Titelthema der Zeitschrift »Gute Arbeit« 5/2018 erklärt Dr. Boris Feodoroff, Experte der Sporthochschule Köln, warum Bewegung zur Büroarbeit gehören muss.

Das menschliche Überlebensprogramm ist seit Millionen von Jahren auf Energieeffizienz angelegt, doch dieses »Programm« wird uns in der modernen digitalen Arbeitswelt zum Verhängnis. Menschen sitzen heutzutage stundenlang an Arbeitsplätzen, die mit hoch komplexen IT-Systemen ausgestattet sind. Die negativen Gesundheitsfolgen zeigen, dass ergonomisch ausgestattete Arbeitsplätze wertlos sind, wenn sich die Menschen nicht zwischendurch regelmäßig bewegen, quasi aus ihrer Erstarrung lösen und ihre Erholungspausen einhalten.

Bewegung muss sein – auch im Büro

Arbeitsschutzrechtlich vorgeschrieben sind die sog. »Mischarbeit«, also Unterbrechungen mit anderen abwechslungsreichen Tätigkeiten, sowie Erholpausen (Arbeitsstättenverordnung Anhang 6, Abs. 2). Dr. Boris Feodoroff, Dozent und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sporthochschule Köln, untersucht u.a. die Zusammenhänge zwischen Bewegungsarmnut und Erkrankungsgeschehen und gewährt Einblicke in die Befund- und Studienlage. Hier ein Auszug aus dem Interview, das Interessierte in Gute Arbeit 5/2018 mit im Titelthema »Büroarbeit: Recht und Praxis für den Gesundheitsschutz« nachlesen können (S. 18-20).

Aus dem Interview:

Wir Menschen sitzen erst seit knapp 100 Jahren öfter im Büro, sind aber genetisch Jäger und Sammler. Warum kann das nicht gutgehen mit rund 20 Millionen Dauer-Bildschirmhockern?

Unser Körper hat sich über Tausende von Jahren spezialisiert auf energieeffizientes Überleben. Das erklärt unsere Verhaltensweise: Beinahe alle Komfortangebote werden genutzt: Auto anstatt Fahrrad, Fahrstuhl anstatt Treppe, fettreiches oder süßes Essen anstatt Rohkost. Unser heutiger westlicher Lebensstandard stellt die Evolution auf den Kopf! Es sterben weltweit mehr Menschen an den direkten Folgen der Adipositas als an Mangelernährung. Das sedentäre Verhalten der Menschen - also häufiges Sitzen auch bedingt durch den technischen Fortschritt im Beruf und in der Freizeit - hat daran maßgeblichen Einfluss.

Was läuft falsch? Gibt es aussagekräftige Studien, die Hinweise liefern?

Bei vielen gehört das ständige Sitzen schlicht zum Büroalltag. Man macht sich kaum Gedanken darüber. Unser Stoffwechsel ist allerdings so gut wie überhaupt nicht mehr gefordert. Studien zeigen die besorgniserregenden Konsequenzen auf. Die Arbeitsgruppe von George aus dem Jahr 2013 belegt den Zusammenhang von langen Sitzzeiten und chronischen Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit und sogar Krebs.

Diaz und andere haben 2017 eindrucksvoll nachgewiesen, wie sich ununterbrochene, lange Sitzzeiten negativ auf die Gesamtmortalität auswirken, also die Sterberate erhöhen. Deren Empfehlung lautet: alle 30 Minuten das Sitzen zu unterbrechen.

Die Vorstellung von einer korrekten Büroergonomie ist landläufig geprägt von der möglichst guten Anordnung der Büromöbel und der IT-Ausstattung nach arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen – auch mit komfortablen, flexiblen Stühlen oder individuell angepassten Elementen wie Tastatur und Maus. Das ist nötig und wichtig, ersetzt aber nicht die gesundheitsförderliche Bewegung.

Ergonomie-Empfehlungen für Büroarbeit zeigen oft Personen am optimal gestalteten Arbeitstisch - mit bestimmten Richtwerten, Abmessungen, die Anordnung der EDV-Ausstattung etc. Ist das zu statisch um ergonomisch zu sein?

Bei körperlich stark beanspruchenden Berufen wie bei Maurern, im Straßenbau oder bei Dachdeckern ist man selbstverständlich gut beraten, körperliche Überlastungen zu vermeiden. Im Büro hingegen ist unser Problem nicht die körperliche Überforderung, sondern die Unterforderung.

Das von Ihnen angesprochene pauschale und starre Ergonomie-Denken lässt den Menschen als Problem erscheinen, dieser muss sich an seine effiziente Büro-Umwelt anpassen. Bzw. umgekehrt soll eine optimale Arbeitsumgebung Fehlbeanspruchungen verhindern. Doch Bewegungslosigkeit ist eine der schlimmsten Fehlbelastungen. Die Position der kleinsten Belastung und Beanspruchung entspricht in keiner Weise unseren physiologischen Bedürfnissen. Unser Körper sitzt sich ohne Bewegung einfach nur kaputt. Zum Beispiel ist die Atmung im Sitzen weniger tief, die Organe werden schlechter mit Sauerstoff versorgt und so fort. Das Geschehen ist komplex und die Gefährdung ist weit unterschätzt. (…)

Die alte Bildschirmarbeitsverordnung von 1996 verlangte, den Beschäftigten Bildschirmpausen einzuräumen. Die Verordnung ist seit 2016 Teil der Arbeitsstättenverordnung, diese verlangt Erholungspausen. Wie sollte das aussehen?

(…) Eine Studie aus dem British Journal of sports medicine aus dem Jahr 2015 wird ganz konkret: Mindestens zwei, besser bis zu vier Stunden eines achtstündigen Arbeitstages sollte man versuchen, nicht sitzend zu verbringen. Das ist für Lehrer oder Krankenschwestern vom Setting her wohl leichter umzusetzen als für Büromenschen. Es besteht aber Handlungsbedarf. (…)

Weitere Informationen

In »Gute Arbeit« 5/2018

  • das Titelthema »Büroarbeit: Recht und Praxis für den Gesundheitsschutz« (S. 8-20)
  • Das vollständige Interview mit Dr. Boris Feodoroff auf den Seiten 18-20.
  • Beitrag von Prof. Dr. Dieter Lorenz: „Büroflächen: Effizienz und Gesundheit“ (S. 8-13).
  • Der Ingenieur Jens Oehme erklärt die richtige »Beleuchtung am Arbeitsplatz« (S. 28-32).
  • Außerdem Rechtsprechung, Infos zur SBV-Wahl 2018 etc.

In »Gute Arbeit« 6/2018

  • »Regeln für den Arbeitsschutz im Büro« (zur neuen DGUV-Branchenregel Bürobetriebe) von von Sabine Heegner und Dr. Horst Riesenberg-Mordeja

© bund-verlag.de (BE)

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