Bildungspolitik

Flickenteppich Digitalisierung

13. Mai 2020 Personalrat, Bildung
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Quelle: © Peter Atkins / Foto Dollar Club

Eltern, Schüler, Lehrer und die Institution Schule stehen derzeit vor großen Herausforderungen. Dr. Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisationsbereichs Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), beleuchtet in »Der Personalrat« 5/2020 Chancen und Risiken.

Schulen werden derzeit etwas schneller als vielleicht geplant digitalisiert – und man sieht, dass sogar Unterricht via Video-Chat funktioniert. Oder ist das ein Trugschluss?

Das kann ich nur zum Teil so unterschreiben. Es gibt Schulen und Regionen, wo Homeschooling und digitaler Unterricht gut funktionieren. Es gibt aber insgesamt sehr große Unterschiede. An manchen Schulen sind die Lehrkräfte nicht gut darauf eingestellt, dass Unterricht derzeit anders stattfinden muss. Und, ein wichtiger Aspekt: Nicht alle Kinder und Eltern haben die notwendigen Mittel, um von zu Hause aus am Unterricht teilzunehmen. Das wird jedoch in der aktuellen Debatte vorausgesetzt. Man muss also momentan von einem Flickenteppich im Bereich Digitalisierung sprechen. Ich sehe daher Chancen, aber auch Risiken.


Welche Risiken sehen Sie?

Ein großes Problem ist es, wenn Lehrkräfte auf private E-Mails und Endgeräte zurückgreifen müssen und dort sensible Daten wie etwa Noten oder ein digitales Klassenbuch mit Fehltagen gespeichert werden. Hier muss die Frage des Datenschutzes geklärt werden.


Und welche Chancen bringt die Corona-Krise mit sich?

Eine ganz große Chance ist es, dass es derzeit keine Alternativen gibt: Schulen und Lehrkräfte sind gezwungen, neue Wege zu beschreiten, Konzepte zu entwickeln und zu überdenken. Diese Entwicklung wird sicherlich auch die Nachfrage seitens der Kolleginnen und Kollegen nach Fortbildungen vorantreiben. Denn wir wissen aufgrund einer bisher noch nicht veröffentlichen Studie, dass die Lehrkräfte hier großen Nachholbedarf sehen, insbesondere im Bereich Digitalisierung. Fortbildungen seien oft nicht auf die Bedürfnisse und Fragen der Lehrerschaft zugeschnitten. Oft bestehe außerdem aufgrund der Personalsituation nicht die Möglichkeit, Fortbildungen zu besuchen, lautet die Kritik der GEW-Mitglieder.
 

Und wie wird es nach Corona weitergehen?

Ich hoffe, dass die Politik nicht auf die Idee kommt, vieles digital zu erledigen und dabei die Ausstattung der Schulen auf der Strecke bleibt. Wie wichtig Lehrkräfte und der direkte Kontakt zu Schülerinnen und Schülern und auch den Eltern ist, sieht man momentan nämlich auch. Bildungspolitik wird meiner Meinung nach viel zu oft von einer Mittelschicht aus gedacht, in der Arbeitsmittel wie Laptops vorhanden sind und die Eltern sich kümmern wollen und können. Das entspricht nicht der Realität, da es nicht die breite Masse abbildet. Ich habe in den vergangenen Wochen von vielen Lehrerinnen und Lehrern gehört – insbesondere in der Grundschule –, dass Kinder Kontakt suchen. Und zwar vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten, die zu Hause nicht die Möglichkeit haben, sich Lehrinhalte erklären zu lassen. Digitalisierung zur Unterstützung ist gut, aber sie muss auch didaktisch einen Mehrwert haben. Den Hype auf alles Digitale sehe ich als Problem. Ich warne davor, dass die Technik die Pädagogik bestimmt.


Welche Rolle spielen Personalräte?

Wenn für die Schule, die auch Gelder abruft, ein Digitalkonzept entwickelt wird, sollte der Personalrat darauf achten und darauf pochen, dass er beteiligt wird. Außerdem spielt das bereits erwähnte Thema Datensicherheit eine besondere Rolle. Es gibt die Tendenz, dass Administratives wie Vertretungspläne oder aktuelle schulinterne Nachrichten nicht mehr per Aushang, sondern per Mail mitgeteilt werden. Hier nutzen Lehrer private Accounts. Solche Maßnahmen für den Informationsfluss müssen mit Dienstvereinbarungen geregelt werden, um dem Datenschutz und dem Problem der ständigen Erreichbarkeit Rechnung zu tragen. Ganz wichtig ist, dass sich Personalrätinnen und Personalräte mit Datenschützern beraten. Ebenso wichtig ist, dass die Gremien ihre Kollegen über die Arbeit informieren – unsere Umfragen zeigen, dass hier Nachholbedarf besteht.

© bund-verlag.de (mst)

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