Arbeitsunfähigkeit

Wo Menschen arbeiten, gibt es psychische Erkrankungen

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Quelle: ©Robert Kneschke / Foto Dollar Club

Jedes Jahr wertet das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) Fehlzeiten von Beschäftigten aus. Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer, beleuchtet die aktuelle Analyse in der Fachzeitschrift »Der Personalrat« 10/19.

In den vergangenen Jahren waren Fehlzeiten aufgrund psychischer Belastungen stark ausgeprägt. Und diesmal?

Insgesamt ist der Krankenstand bei den knapp 14 Millionen AOK-Mitgliedern 2018 um 0,2 Prozentpunkte auf 5,5 Prozent angestiegen. Hier spielte vor allem die starke Erkältungswelle Anfang des Jahres 2018 eine Rolle. Doch auch psychische Erkrankungen haben die Fehltage ansteigen lassen, gegenüber dem Vorjahr um 2,7 Prozent. Psychische Erkrankungen führen im Krankheitsfall übrigens zu deutlich längeren Ausfallzeiten. Mit 26,3 Tagen je Fall liegt die Dauer mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt.


Was sind die Gründe dafür?

Große Studien in Deutschland zeigen, dass es keine generelle Zunahme psychischer Störungen in Deutschland gibt. Ein Grund für den Anstieg ist, dass die frühere Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen heute weniger zum Tragen kommt. Es gibt eine zunehmende Bereitschaft der Patienten, psychische Probleme offen anzusprechen. Außerdem sind die Ärzte heute besser geschult, um psychische Erkrankungen zu erkennen. Ein weiterer Grund ist, dass sich Deutschland immer stärker von einer Produktions-, hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft wandelt, in der höhere Anforderungen an die psychische Leistungsfähigkeit gestellt werden. Wo es häufiger zu psychischer Überforderung kommt, gibt es in der Folge auch mehr psychische Erkrankungen. Dazu kommt möglicherweise auch der Optionsstress in der Lebenswelt. Die Pluralisierung der Familienformen und der Leistungsdruck durch Konsum können auch psychische Belastungen darstellen.


Warum fallen Beschäftigte der öffentlichen Verwaltung krankheitsbedingt aus?

Beschäftigte aus der Öffentlichen Verwaltung weisen mit durchschnittlich 24,4 Fehltagen einen vergleichsweise hohen Krankenstand aus. Der Durchschnitt aller AOK-Mitglieder liegt nur bei 19,9 Fehltagen. Dabei fallen die Beschäftigten der Öffentlichen Verwaltung überdurchschnittlich oft aufgrund von Atemwegs- und psychischen Erkrankungen aus. Außerdem haben sie ein höheres Durchschnittsalter und der Frauenanteil ist überdurchschnittlich hoch. Beides sind Faktoren, die mit einem höheren Krankenstand zusammenhängen.

Sind Krankheitsbilder auf dem Vormarsch?

In den letzten zehn Jahren gab es gehäuft Erkältungswellen, die den Krankenstand entsprechend stark beeinflusst haben. Und wie gesagt, auch psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Eines zeigen unsere Daten sehr klar: Die Ursachen von Fehlzeiten unterscheiden sich erheblich nach den Berufszweigen. Besonders Berufe, in denen mit Menschen gearbeitet wird, neigen vermehrt zu psychischen Erkrankungen. Dazu gehört beispielsweise die Altenpflege, aber auch die Arbeit im Callcenter. Dagegen sind Berufe in der Entsorgung und in der industriellen Gießerei vor allem von Muskel-Skelett-Erkrankungen betroffen. Daran hat sich in den letzten Jahren nichts geändert.

© bund-verlag.de (mst)

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