Fragen an den Anwalt

Kündigungen in der Insolvenz

30. Juni 2020 Insolvenz
Corona-NL Fragen an den Anwalt
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Steht einem Unternehmen die Insolvenz bevor, drohen den Beschäftigten betriebsbedingte Kündigungen. In diesem Beitrag stellen wir Ihnen die kündigungsrechtlichen Besonderheiten in der Insolvenz vor, in der nächsten Ausgabe die Handlungsmöglichkeiten des Betriebsrats.

Schrittweise werden die Pandemieschutzmaßnahmen zurückgefahren. In Betrieben kehrt allmählich Alltag ein. Es steht eine Zeit der Sondierung an. Nach dem Monat Mai 2020 mit der höchsten Anzahl an Arbeitnehmern in Kurzarbeit, die jemals gemessen wurde, wird es vielen Betrieben nicht gelingen, in einem Schritt in die Normalität zurückzukehren.

Für eine Reihe von ihnen wird allerdings der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens unausweichlich sein. Betriebsräte können und sollten sich, wenn eine solche Entwicklung absehbar ist, frühzeitig darauf vorbereiten.

Kündigungen im Eröffnungsverfahren

Betriebsräte sollten sich für die kündigungsrechtlichen Besonderheiten eines Insolvenzverfahrens weitsichtig wappnen.

Im Eröffnungsverfahren, z.B. im Schutzschirmverfahren, wird ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt. Dies ist in der Regel ein so genannter »schwacher Verwalter« (§ 22 Abs. 2 InsO). Dieser ist selbst nicht zur Kündigung von Arbeitnehmern berechtigt. In Abgrenzung dazu kann der sogenannte »starke Verwalter« selber Kündigungen aussprechen, seine Bestellung ist aber die Ausnahme (§ 22 Abs. 1 InsO).

Kündigt der Arbeitgeber ohne die Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters, ist die Kündigung unwirksam. Liegt der Kündigungserklärung nicht die Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters bei, kann der Arbeitnehmer die Kündigung als unwirksam zurückweisen (§§ 182 III, 111 S. 2 BGB).

Kündigungen nach Insolvenzeröffnung

Ist das Insolvenzverfahren eröffnet, wird der Insolvenzverwalter zum Arbeitgeber. Kündigungserklärungen, die der ursprüngliche Arbeitgeber ab diesem Augenblick abgibt, sind per se nichtig. Von nun an wird jeder von den Sozial- oder Betriebspartnern vereinbarte Kündigungsschutz durch § 113 S. 1 InsO zunichte gemacht. Jeder Sanierungstarifvertrag und jede Standortsicherungsvereinbarung werden hinsichtlich des Kündigungsschutzes gegenstandslos, auch alle an sich ordentlich unkündbaren Arbeitnehmer werden mit der nunmehr für alle gleichermaßen geltenden Kündigungsfrist von max. drei Monaten zum Monatsende kündbar (§ 113 S. 2 InsO).

Die Tarifpartner oder Betriebsparteien haben keine Möglichkeit, die Fristen des § 113 InsO zu modifizieren. Für den durch die frühere Kündigung entstandenen Entgeltausfall kann der Arbeitnehmer Schadensersatz als Insolvenzforderung geltend machen (§ 113 S. 3 InsO). Tarifpartner können diesen durch die rechtzeitige Vereinbarung verlängerter Kündigungsfristen zu Gunsten der Beschäftigten erhöhen, dies ist jedoch ab konkreter Kenntnis davon, dass Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers droht, in der Regel nicht mehr zulässig (§ 133 Abs. 1 InsO).

Kündigungsschutz des Betriebsrats bleibt erhalten

Erhalten bleibt jedoch jeder gesetzliche Sonderkündigungsschutz. Betriebsräten bleibt ihr Kündigungsschutz auch im Insolvenzverfahren erhalten (§ 15 KSchG); bei Betriebsschließungen gilt dies auch hier nur in den Grenzen des § 15 Abs. 4 und 5 KSchG. Zu beachten ist, dass der vorläufige Insolvenzverwalter keinesfalls nach § 113 InsO kündigen kann. Gleiches gilt für Beschäftigte mit Schwerbehinderungen, in Elternzeit und während der Mutterschutzfristen.

Im nächsten Teil dieses Beitrages geht es um Interessenausgleich, Sozialplan, Insolvenzgeld und den Nachteilsausgleich. Wir zeigen, welche Gestaltungsmöglichkeiten der Betriebsrat vor einem Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens und während des Insolvenzverfahrens hat.

 

Dr. Michael Bachner

Fachanwalt für Arbeitsrecht

 

Daniel Wall

Rechtsanwalt

 

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