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Überwachung

Mitarbeiter-Kontrolle im »System Amazon«

10. September 2015

»Amazon sucht Saisonkräfte fürs Weihnachtsgeschäft« – das berichteten Anfang September die Nachrichten-Portale. Auch die Saisonkräfte sollen den gleichen Basislohn bekommen wie festangestellte Mitarbeiter und die gleichen Zusatzleistungen. Was nach attraktiven Jobs klingt, hat einen Haken – das System Amazon.

Denn der Internet-Versandhandel-Riese setzt an seinen Standorten auf Leistungskontrolle und Druck auf die Belegschaft. Mittels Scanner, die die Lagerarbeiter für die Kommissionierung der Waren benutzen, kann nahezu jeder Schritt der Mitarbeiter überwacht werden. Die Beschäftigten erhalten Arbeitsanweisungen über die Handscanner. Sie erfahren beispielsweise, wo im Lager sie Waren einsammeln oder ablegen müssen. In so genannten Feedbackgesprächen beurteilen Vorgesetzte dann die Leistung des einzelnen Mitarbeiters.

Ver.di kritisiert Umgang mit Mitarbeitern

Deshalb schlägt die Gewerkschaft ver.di Alarm. In einer Mitteilung zum 20. Geburtstag des weltweit größten Online-Versandhändlers heißt es, »Amazon steht seit 20 Jahren für die Missachtung von Gewerkschafts- und Beschäftigtenrechten, unsichere Arbeitsverhältnisse, minutiöse Überwachung und psychischen Druck am Arbeitsplatz«.

Vom Druck auf die Belegschaft berichten zahlreiche Gewerkschaftssekretäre. Mitarbeiter müssen beispielsweise vor Arbeitsbeginn alle Arbeitsmittel bereitlegen, um nach der Schichtbesprechung sofort loslegen zu können – „Fast Start“ heißt das im Konzern. Eva Völpel, Sprecherin des ver.di-Bundesvorstands, kritisiert: »Das System Amazon beruht auf Druck, Kontrolle und Arbeitshetze. Davon zeugen auch die extrem hohen Krankenquoten von zum Teil 20 Prozent und mehr.«

Volle Leistung nicht genug

Wer 100 Prozent Leistung bringt – was auch mithilfe der Handscanner beurteilt werden kann – muss sich im Feedbackgespräch den Vergleich mit Kollegen gefallen lassen, die mehr laut Datensatz mehr leisten. Teilweise kommen sogar so genannte Inaktivitätsprotokolle zum Einsatz, in denen Mini-Pausen der Mitarbeiter von einer Minute bis zwei Minuten festgehalten sind. Ver.di geht davon aus, dass für die Erstellung der Protokolle auch die Daten aus den Handscannern genutzt werden. Amazon betont jedoch, dass es sich bei den Protokollen nur um Einzelfälle handle, bei denen Vorgesetzte zu weit gegangen seien.

Mit befristeten Arbeitsverträgen übt Amazon Druck aus

Unabhängig von der Erstellung solcher Protokolle müssen laut ver.di Mitarbeiter bei Amazon damit rechnen, dass ihre Leistungsbeurteilung herangezogen wird, um über weitere Befristungen oder auch eine Entfristung zu entscheiden – und so gleichzeitig über deren berufliche Zukunft. Durch die Befristungspraxis bei Amazon würden vor allem aktive Kollegen systematisch aus dem Betrieb entfernt, die sich für Arbeitnehmerinteressen einsetzen, moniert Erika Ritter, Landesfachbereichsleiterin Handel bei ver.di in Berlin-Brandenburg. Amazon dehne die gesetzlichen Grundlagen für eigene Interessen aus, heißt es in einer ver.di-Mitteilung. »In der Regel werden befristet Beschäftigte nicht weiterbeschäftigt, obwohl ihnen dies bei guten Leistungen regelmäßig in Aussicht gestellt wird. So wird ein System des fleißigen und angepassten Arbeitens und miteinander Umgehens erzeugt. Betroffene leben in permanenter Unsicherheit ihrer materiellen Existenz und Zukunft. Beschäftigte, die sich offen für bessere Arbeitsbedingungen bei Amazon einsetzen, werden systematisch wieder hinausgedrängt«, lautet das Fazit der Gewerkschaft.

Das zeigt ein Fall, der Ende Juni vor dem Arbeitsgericht in Brandenburg verhandelt worden war. Vier Amazon-Mitarbeiter waren bis Ende Dezember 2014 beziehungsweise Januar 2015 befristet bis zu eineinhalb Jahren beschäftigt. Ihre Verträge wurden nicht verlängert, obwohl laut ver.di neues Personal eingestellt wurde. Die Kläger vermuteten, dass ihr Engagement im Betriebsrat gegen eine Verlängerung der Arbeitsverträge gesprochen habe. Das Arbeitsgericht sah dafür keine Anhaltspunkte und orientierte sich an der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts: Befristet Beschäftigte haben demnach nach rund einem Jahr auch als Betriebsräte keinen Anspruch auf Weiterbeschäftigung. Gewerkschaften ist diese Rechtsprechung ein Dorn im Auge. Denn durch die Befristungsregeln können Unternehmen wie Amazon den gesetzlich festgelegten Kündigungsschutz von Betriebsräten aushebeln. 

Mehr als die Hälfte der Beschäftigten sind Zeitarbeiter

An den deutschen Standorten sind laut ver.di 50 bis 70 Prozent der Mitarbeiter zeitlich befristet beschäftigt – und nach der maximal möglichen Befristungsdauer von zwei Jahren sei dann in der Regel Schluss. Die Beschäftigten müssen sich einen neuen Job suchen. »Die Beschäftigten fordern würdige Arbeitsverhältnisse und Rechtssicherheit durch einen Tarifvertrag. Amazon verweigert diesen Vertrag einzig und allein, weil das Unternehmen weiterhin willkürlich die Arbeitsbedingungen diktieren will«, sagt ver.di-Sprecherin Völpel.

Nur an den ältesten deutschen Standorten Bad Hersfeld und Leipzig ist ein Rückgang der Befristungen zu beobachten. Lenkt Amazon vielleicht doch ein und rückt von der arbeitnehmerfeindlichen Befristungspolitik ab? Nach Einschätzung von ver.di hat diese Entwicklung einen ganz anderen Grund: der örtliche Arbeitsmarkt an den beiden Standorten bietet nicht mehr genug Beschäftigte für Amazons Drehtürpolitik.

© bund-verlag.de (mst)

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