1.2 Psychische Belastungen weiter auf hohem Niveau

Psychische Belastungen bei der Arbeit haben sich auf hohem Niveau stabilisiert. Sie betreffen – in unterschiedlichem Maß – alle Berufsgruppen. Das hat der »Stressreport Deutschland 2012« belegt, der die Ergebnisse der BIBB-
BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2011/2012 zusammenfasst. Deren Daten sind schon nicht mehr ganz neu; eine Nachfolgebefragung steht aber noch aus.

Es wurde u. a. gezeigt, dass sich viele Merkmale arbeitsbedingter psychischer Belastung nach wie vor auf hohem Niveau befinden. Vor allem die Arbeitsmerkmale verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen’, ‚starker Termin- und Leistungsdruck’, ‚ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge’, ‚Störungen und Unterbrechungen’ sowie ‚sehr schnell arbeiten müssen’ sind demnach weit verbreitet. Bei zwei der am meisten genannten Anforderungen – ‚starker Termin- und Leistungsdruck’ und ‚sehr schnell arbeiten müssen’ – wurde ein Anstieg in der subjektiv empfundenen Belastung verzeichnet.

Verschiedene Erhebungen des DGB-Index Gute Arbeit bestätigen die Ergebnisse der BIBB/BAuA-Befragung im Wesentlichen. Der häufige Zwang, mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen zu müssen und unter starkem Termin- und Leistungsdruck zu arbeiten, ist hoch und wird von den Beschäftigten überwiegend als belastend wahrgenommen. Im Vergleich zur gut zehn Jahre davorliegenden Erwerbstätigenbefragung (1998/1999) haben die meisten Belastungsfaktoren zugenommen (Abb. 30).

Daten des DGB-Index Gute Arbeit haben die genannten Befunde bestätigt und in einigen Aspekten weiter konkretisiert. Sie belegen unter anderem, dass die Arbeitsintensität in den letzten Jahren zugenommen hat. 37% der Beschäftigten geben an, im Vergleich zum Vorjahr in hohem Maß mehr Arbeit in der gleichen Zeit schaffen zu müssen. Ein weiteres Viertel verzeichnet immerhin noch eine geringe Zunahme. Gar keine Zunahme nennen nur 39% der Beschäftigten (Abb. 31).

Mehr als die Hälfte der Beschäftigten (52%) bezeichnet die Arbeitsintensität als hoch. Noch höher ist der Anteil derjenigen, die häufige Unterbrechungen bei der Arbeit beklagen (Abb. 32).

Die Befragung macht auch klar, warum das so ist. Die meistgenannten Belastungsfaktoren, die die Arbeitsintensität verstärken, sind: Multitasking (also der Druck, mehrere Arbeiten gleichzeitig erledigen zu müssen), zu knappe Personalbemessung, ungeplante Zusatzaufgaben und zu eng bemessene Termine. Auch eine zu hohe Erwartungshaltung von KundInnen, KlientInnen und PatientInnen spielt eine wichtige Rolle (Abb. 33). Wer unter solchen Bedingungen arbeitet, tendiert übrigens dazu, Arbeitspausen zu verkürzen oder ganz auszulassen. In der DGB-Index-Befragung 2015 gaben 47% der gehetzt Arbeitenden an, sie verzichteten sehr häufig oder oft auf die ihnen zustehenden Pausen.

Die Daten des DGB-Index 2014 zeigen sogar einen Anteil von 56% der Beschäftigten, die sich sehr häufig oder oft bei der Arbeit gehetzt fühlen (Jahrbuch Gute Arbeit 2016, Seite 373, dort Abbildung 16). Dieser Befund lässt sich noch tiefer auswerten. Denn der DGB-Index setzt eine doppelte Befragungsmethode ein: Ergibt die Erhebung, dass die Beschäftigten das Vorhandensein einer bestimmten Belastung bejahen (hier: gehetzt arbeiten), wird weiter gefragt, ob sie sich davon beansprucht fühlen. Da beide Begriffe – Belastung und Beanspruchung – eigentlich neutral sind, umgangssprachlich aber als negativ verstanden werden, wird gefragt: »Wie stark belastet Sie das?« Am Beispiel der Arbeitshetze ergibt sich hier: 64% derjenigen, die häufig gehetzt arbeiten, fühlen sich davon auch belastet (relative Beanspruchung). Hier liegt demnach eine Fehlbelastung vor. In Bezug auf alle Befragten ist das ein Anteil von 36% (absolute Beanspruchung) (siehe ausführlicher Zeitschrift »Gute Arbeit« 12/2015, Seite 6–10; der hier genannte Beitrag stammt von Beate Eberhardt).

In ähnliche Richtung weist eine Studie der Techniker Krankenkasse. Auch hier stehen Arbeitsmenge und Arbeitsintensität an erster Stelle. Die Studie basiert auf einer Repräsentativbefragung von 1 000 Beschäftigten (2013). Rund zwei Drittel der Befragten nennen »zu viel Arbeit« als Belastungsfaktor, kaum weniger verspüren »Termindruck und Hetze«. Häufig genannt werden auch »Störungen« und »Informationsflut« (Abb. 34).

Die Digitalisierung der Arbeit macht sich im Belastungsspektrum – besonders bei den psychischen Belastungen – inzwischen schon deutlich bemerkbar. Sie geht mit tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeitswelt einher. Aus Sicht der Beschäftigten bedeuten der zunehmende Einsatz digitaler Technik und die voranschreitende Vernetzung keineswegs automatisch eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil: Von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die in hohem oder sehr hohem Maß digitalisiert arbeiten, geben 46% an, ihre Arbeitsbelastung sei dadurch größer geworden. 45% sehen (bisher) keine Veränderung und lediglich 9% fühlen sich durch die Digitalisierung entlastet (Abb. 35).

Für die DGB-Index-Erhebung 2016 wurden insgesamt knapp 10 000 Beschäftigte befragt. Für die Auswertung zu den Folgen der Digitalisierung für die Arbeitsbelastung wurden die Angaben der Untergruppe von 6 314 Befragten herangezogen, die nach eigenen Angaben in hohem oder sehr hohem Maße von der Digitalisierung betroffen sind.

Lothar Schröder, u.a.
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