1.2 Psychische Belastungen weiter auf hohem Niveau

Psychische Belastungen bei der Arbeit haben sich auf hohem Niveau verfestigt. Sie betreffen – in unterschiedlichem Maß – alle Berufsgruppen. Das hat der »Stressreport Deutschland 2012« belegt, der die Ergebnisse der BIBB-BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2011/2012 zusammenfasst (s. Datenanhang im Jahrbuch 2015, S. 316–327). Zunehmend werden dabei auch lange und hochgradig flexibilisierte, von Unternehmensinteressen bestimmte Arbeitszeiten zu einem starken Belastungsfaktor, wie die Arbeitszeitbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) belegt hat (Datenanhang im Jahrbuch 2017, S. 335-355).

Die mit der Digitalisierung verbundenen technischen Innovationen bergen durchaus das Potenzial, die Arbeitswelt humaner zu gestalten. Die Reduzierung körperlicher Belastungen sowie größere Gestaltungsmöglichkeiten und Flexibilitätsspielräume für Beschäftigte sind einige der möglichen Vorzüge. Allerdings wird Digitalisierung von den meisten eben nicht so, sondern als weitere Belastung und als Intensivierung ihrer Arbeit erlebt. Die Beschäftigtenbefragung zum DGB-Index Gute Arbeit 2016 zeigt, dass die ohnehin schon weit verbreiteten psychischen Belastungen bei den hochgradig digitalisiert Arbeitenden noch einmal häufiger auftreten (Abb. 10).

Insgesamt 60% der Beschäftigten arbeiten nach eigenen Angaben bereits in sehr hohem oder hohem Maße mit digitalen Mitteln. Dabei wurden die Beschäftigten auch nach der Qualität ihrer Arbeitsbedingungen – so etwa nach der von ihnen empfundenen Arbeitshetze – gefragt. Diese Antworten wurden mit dem Grad der Digitalisierung ihrer Arbeit ins Verhältnis gesetzt (Abb. 11). Es zeigte sich: Diejenigen, die in hohem Maße mit digitalen Mitteln arbeiten, fühlten sich auch am meisten – nämlich zu fast zwei Dritteln – bei der Arbeit gehetzt.

Der DGB-Index setzt eine doppelte Befragungsmethode ein: Ergibt die Erhebung, dass die Beschäftigten das Vorhandensein eines bestimmten Belastung bejahen (hier: gehetzt arbeiten), wird weiter gefragt, ob sie sich davon beansprucht fühlen. Da beide Begriffe – Belastung und Beanspruchung – arbeitswissenschaftlich neutral sind, umgangssprachlich aber als negativ bewertet werden, wird dann gefragt: »Wie stark belastet Sie das?« Am Beispiel der Arbeitshetze ergibt sich hier also: 60% derjenigen, die häufig gehetzt arbeiten, fühlen sich davon auch belastet (relative Beanspruchung). Hier liegt demnach eine Fehlbelastung vor. In ähnliche Richtung weist die Stress-Studie der Techniker Krankenkasse »Entspann Dich, Deutschland« (2016). Auch hier stehen Arbeitsmenge und Arbeitsintensität an erster Stelle der genannten Belastungsfaktoren (Abb. 12).

Schon die Daten des DAK-Gesundheitsreports 2013 haben gezeigt, dass 25% der Beschäftigten angeben, immer oder häufig außerhalb ihrer Arbeitszeit beruflich erreichbar sein zu müssen. Die BAuA-Arbeitszeitbefragung ist dieser Frage genauer nachgegangen und hat ergeben: 39% der Beschäftigten sind auch im Privatleben für berufliche Belange ganz oder teilweise erreichbar (Abb. 13).

Auch in der Freizeit häufig mit beruflichen Problemen konfrontiert zu werden, führt oftmals zu gesundheitlichen körperlichen und psychischen Beschwerden. Nach dem DGB-Index 2015 berichten 56% der Beschäftigten mit hoher Arbeitsintensität, sie könnten sehr häufig oder oft nach der Arbeit nicht richtig abschalten. Die dem DAK-Gesundheitsreport 2013 zugrunde liegenden Befragungen ergaben: Das Risiko einer Depressionserkrankung steigt bei ständiger Erreichbarkeit rasch an: Personen mit mittlerer Erreichbarkeit haben zu 16,7% eine Depression, bei hoher Erreichbarkeit 24%. Insgesamt wiesen 13,6% der Befragten mit ständiger Erreichbarkeit eine Depression auf.

Die BAuA-Arbeitszeitbefragung verzeichnet ebenfalls einen deutlichen Zusammenhang zwischen ständiger Erreichbarkeit und gesundheitlichen Problemen (Abb. 14). Beschäftigte, die ständiger Erreichbarkeit ausgesetzt sind, sind häufiger unzufrieden mit ihrem Gesundheitszustand als nicht betroffene Beschäftigte (46% zu 36%). Beschäftigte, die im Privatleben beruflich kontaktiert werden oder von denen das zumindest erwartet wird, berichten häufiger von Gesundheitsbeschwerden als andere Beschäftigte. Auch die Bewertung der Work-Life-Balance ist bei den ständig Erreichbaren geringer als bei den nicht davon Betroffenen (38% zu 21% unzufrieden).

Dauernde und hohe psychische Belastungen stehen in offensichtlichem Zusammenhang mit Gesundheitsstörungen und Erkrankungen (s.a. Abschnitt 2.3). Es gibt zwar keine einfache Kausalität, aber nachweislich eine Korrelation. Der Gesundheitsreport 2017 der DAK unterstreicht diesen Zusammenhang (ebd. S. 5).

Der DAK-Report 2017 untersucht den Zusammenhang zwischen ungünstigen Arbeitszeiten und Schlafstörungen (Insomnien). Dort heißt es: »Insbesondere Lage und Umfang der Arbeitszeit könnten den Erholungswert der Freizeit beeinträchtigen und damit auch die Bedingungen für guten Schlaf. Demnach erweisen sich insbesondere Schichtarbeit und wechselnde Arbeitszeiten und Nachtschichtarbeit als mögliche Risikofaktoren für eine Insomnie. Unter Beschäftigten, die diesen besonderen Arbeitszeitbedingungen unterliegen, findet sich ein deutlich erhöhter Anteil an Insomnikern. Auch Beschäftigte mit Samstagsarbeit und Sonn- und Feiertagsarbeit haben möglicherweise ein höheres Risiko für eine Insomnie.« (S. 87)

Auch andere Belastungsfaktoren wie Termin- und Leistungsdruck, häufiges Arbeiten am Limit, unsichere Beschäftigung usw. sind laut DAK-Report im Zusammenhang mit Schlafstörungen zu nennen. Auch tatsächliche oder nur gefühlte ständige Erreichbarkeit (zu den Daten s. Jahrbuch 2017, Datenanhang, S. 353ff) ist in diesem Zusammenhang auffällig. Der Report fasst zusammen: Je mehr ständige Erreichbarkeit gegeben ist, desto häufiger treten Schlafstörungen auf (Abb. 15).

Lothar Schröder, u.a.
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