3. Arbeit und Gesundheit: Aktuelle Trends

3.1 Arbeitsunfälle

Aufgrund des technologischen und wirtschaftssektoralen Strukturwandels sowie eines effektiver gewordenen Arbeitsschutzes ist das Risiko, bei der Arbeit einen Unfall zu erleiden, während der letzten Jahrzehnte deutlich zurückgegangen (s. Jahrbuch 2017, Datenanhang, S. 369).

Wie die Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit zeigt, sind auch auf einem bereits niedrigen Unfallniveau durchaus noch markante Verbesserungen möglich. So ist seit 2008, als die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) mit dem Ziel einer spürbaren Senkung der Unfallhäufigkeit antrat, eine rund 18%ige Reduktion der »1000-Mann-Quote« (gewerbliche Wirtschaft und öffentlicher Dienst, ohne Landwirtschaft) zu verzeichnen. Am günstigsten fiel die Entwicklung in diesem Zeitraum im Nahrungsmittel- und Gastgewerbe (-30,1%), im Bereich Holz/Metall (-21,2%) sowie überraschenderweise im seit jeher relativ wenig unfallträchtigen Bereich Verwaltung/Bahnen/Glas/Keramik aus (-24,1%). Auffällig ist auch der starke Rückgang im Bereich der Unfallversicherung der öffentlichen Hand, der allerdings größtenteils Statistikumstellungen im Jahr 2010 sowie dem 2016 erfolgten Übergang der Unfallkasse Post-Telekom zur BG Verkehr geschuldet sein dürfte (Abb. 32).

Der mittelfristige Abwärtstrend hat sich zuletzt aber nicht fortgesetzt. Die Unfallrate ging 2016 gegenüber dem Vorjahr insgesamt nur minimal um 0,4% zurück, und auch bei den einzelnen Unfallversicherungsträgern gab es – anders als in den vorausgegangenen Jahren – keine allzu großen Bewegungen. Dabei fallen der 2,7-prozentige Anstieg im Bereich Gesundheitsdienst/Wohlfahrtspflege und der jeweils rund zweiprozentige Rückgang in den Bereichen Öffentliche Hand sowie Nahrungsmittel/Gastgewerbe noch am ehesten ins Auge (Abb. 33).

Obwohl sich das Unfallrisiko auch im Baugewerbe günstig entwickelt hat, weist letzteres (neben dem Agrarsektor, für den bei Redaktionsschluss aber noch keine Daten aus 2016 vorlagen) unter allen Wirtschaftszweigen nach wie vor die mit Abstand höchste Zahl an meldepflichtigen Arbeitsunfällen je 1.000 Vollarbeiter auf; diese ist hier (mit zuletzt 55,3) gut zweieinhalb Mal so hoch wie im Durchschnitt der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) (Abb. 33).

Im Unterschied zur stagnierenden Rate meldepflichtiger Unfälle sank die Zahl der neuen Arbeitsunfallrenten je 10 000 Vollarbeiter – die als Indikator für die Häufigkeit schwerer nichttödlicher Arbeitsunfälle betrachtet werden kann – DGUV-weit auch im Berichtsjahr 2016 spürbar um 3,8%. Die stärksten Rückgänge gab es bemerkenswerter Weise dort, wo das Ausgangsniveau ohnehin schon besonders niedrig war: im Bereich Gesundheitsdienst/Wohlfahrtspflege (-9,6%) und bei der Öffentlichen Hand (-7,7%). Eine überdurchschnittliche Verbesserung (-5,5%) zeigte sich auch in der Bauwirtschaft, die 2015 noch durch einen enormen Anstieg der (in dieser Branche traditionell recht häufigen) unfallbedingten Invalidität aufgefallen war. Nur in den Branchengruppen Nahrungsmittel/Gastgewerbe und Rohstoffe/Chemie kam es – allerdings nach deutlichen Rückgängen im Vorjahr – zu einer leichten Erhöhung der Rate neuer Unfallrenten (Abb. 34).

Infolge des Verschwindens vieler sehr gefährlicher, ungeschützter Arbeitstätigkeiten sind tödliche Arbeitsunfälle hierzulande inzwischen sehr seltene Ereignisse. Statistisch verliert im DGUV-Durchschnitt übers Jahr »nur« noch einer von 100.000 »Vollarbeitern« durch einen Arbeitsunfall sein Leben. Mit Abstand am höchsten ist die Rate tödlicher Unfälle in der Landwirtschaft (11,02 Fälle je 100.000 Vollarbeiter in 2015, Zahlen für 2016 noch nicht verfügbar), gefolgt von Verkehr/Post-Logistik/Telekommunikation (4,99) und Bau (3,85). Dagegen liegt das Risiko, bei der Arbeit unfallbedingt zu Tode zu kommen, im Gesundheits- und Sozialwesen nahe bei null. Nachdem die Rate im Jahr 2015 DGUV-weit bereits um 4,0% gesunken war, ging sie 2016 noch einmal um 10,9% auf den bislang niedrigsten Wert der Nachkriegsgeschichte zurück (Abb. 35).

Nach den zahlreichen organisatorischen Fusionen der letzten Jahre bilden die Zuständigkeitsbereiche der einzelnen Unfallversicherungsträger die Branchenstruktur der Wirtschaft nur noch schwach ab. Entsprechend gibt die DGUV-Unfallstatistik inzwischen auch keinen allzu präzisen Aufschluss mehr über branchenbezogene Differenzierungen des Arbeitsunfallgeschehens. Hier hilft der »Bericht Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit« der Bundesregierung (SUGA) zumindest teilweise weiter. Darin enthalten ist eine tiefer gegliederte Unfallstatistik, aus der z.B. hervorgeht, dass der Wirtschaftsabschnitt Wasserversorgung/Entsorgung/Umweltsanierung die nach dem Baugewerbe höchste Unfallrate innerhalb der gewerblichen Wirtschaft aufweist. Interessant ist u.a. auch der Hinweis auf die relativ hohe Unfallrate im Bereich Kunst/Unterhaltung/Erholung, die in dem niedrigen Gesamtwert der zuständigen Verwaltungs-BG, wie ihn die offizielle DGUV-Statistik berichtet, gleichsam »untergeht«. Auch die erwähnte SUGA-Statistik bleibt aber insofern unbefriedigend, als sie auf eine Differenzierung des – in punkto Unfallhäufigkeit höchst heterogenen – verarbeitenden Gewerbes vollständig verzichtet.

Lothar Schröder, u.a.
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