Inklusion

Digitales Fachgebärdenlexikon

25. Oktober 2022
Lehrer Hände Zeichensprache
Quelle: Pixabay.com/de

Mitarbeitende des Max-Planck-Instituts entwickelten vom 1.8.2019 bis 30.4.2022 ein Fachgebärdenlexikon mit 5.000 Fachgebärden für die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie (MINT). Gefördert wurde dieses Projekt »Sign2MINT« von der Max-Planck-Förderstiftung. Dr. Hans-Günther Ritz, Mitglied der Projektleitung, erklärt, warum dieses Lexikon für die Inklusion so wichtig ist.

Dr. Ritz, wie viele taube Forschende, Lehrkräfte und Studierende gibt es derzeit ca. in den MINT-Fächern in Deutschland?

Genaue Zahlen zur Beschäftigung sind für taube Menschen nicht bekannt. Es sind nur Einzelinformationen verfügbar: Generell erfasst die Bundesanstalt für Arbeit weder die beschäftigten noch die arbeitslosen Gehörlosen. Wir wissen aber z.B., dass es mindestens drei gehörlose Professoren/-innen in Deutschland gibt. Der erste wurde 2005 in Hamburg berufen. Die erste taube Professorin – Sabine Fries, Hochschule Landshut – arbeitet in unserem laufenden Projekt als Teilprojektleiterin mit.

Die Zahl der gehörlosen Naturwissenschaftler/-innen ist derzeit überschaubar, sie steigt aber seit einigen Jahren. Der sozial und berufspolitisch aktive Teil ist seit 2015 locker organisiert im Forum der tauben MINTler/-innen. Dieses wurde von Dr. Ingo Barth gegründet und organisiert. Dr. Barth ist der erste in Chemie promovierte gehörlose Wissenschaftler in Deutschland. Er war von 2014 bis 2021 Leiter einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Mikrophysik in Halle/Saale. Er hat auch von dort aus die Sammlung der 5.263 naturwissenschaftlichen Fachgebärden für unser naturwissenschaftliches Fachgebärdenlexikon geleitet.

Warum ist Ihrer Meinung nach ein Fachgebärdenlexikon wichtig?

Gehörlose Menschen brauchen zum Ausüben qualifizierter Berufe Zugang zu einer ausreichenden Zahl bundesweit einheitlicher Fachgebärden. Nur so ist mithilfe von Gebärdensprachdolmetschern/-dolmetscherinnen ein passgenaues gebärdensprachliches Übersetzen im Berufsalltag möglich. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hatte schon in den Jahren 1995 – 2005 mehrere berufsfeldspezifische Fachgebärdenwörterbücher aus Mitteln des Ausgleichsfonds gefördert. Diese konnten damals aber noch nicht in digitaler Form vorgelegt werden. Seit 2014 fördert das BMAS wieder aus Mitteln des Ausgleichsfonds die Bereitstellung von beruflichen Fachgebärden. Diesmal allerdings als digitale Unterstützung des Gebrauchs der Deutschen Gebärdensprache (DGS). Unsere Website wurde nach dem Grundsatz mobil first programmiert. Sie kann von allen Endgeräten – d.h. per Handy, per Tablett oder per PC/Laptop – in jeweils bildschirmoptimierter Form aufgerufen werden, insbesondere auch über das Smartphone. Es steht somit in jeder Gesprächssituation zur Verfügung.

Wie wichtig Fachgebärden sind, zeigt folgende Lagebeschreibung: Von den 5.263 erfassten Fachgebärden sind etwa 35 Prozent »Neuschöpfungen«, d.h. die tauben Wissenschaftler im Projekt des Max-Planck-Instituts haben für notwendige Fachbegriffe keine vorhandene Gebärde gefunden. Es wurden dann solche erstmals festgelegt. Fehlende Fachgebärden erschweren die berufliche Kommunikation. Da hat Sign2MINT manche störende Lücke geschlossen. Wie schwerwiegend die Lücken waren, verdeutlicht ein Beispiel: Die Chemie erfasst mit dem Periodensystem alle Elemente. Ein Periodensystem ist eine systematische tabellarische Zusammenstellung aller chemischen Elemente. In der Gebärdensprache gab es bis vor der Veröffentlichung von Sign2MINT bei Weitem nicht für alle chemischen Elemente eine Fachgebärde. Diese Lücke wurde geschlossen.

Wichtiger ist für viele Bereiche des öffentlichen Diensts sicherlich das Vokabular der Informatik. Sign2MINT stellt 639 Fachgebärden der Informatik zur Verfügung. Das dürfte in vielen Verwaltungen und Betrieben nützlich sein für taube Mitarbeiter/-innen. Das Lexikon wird praktischen Nutzen bewirken in weite Bereiche auch der nicht-akademischen IT-Berufe. Damit könnte es auch für Personalräte interessant werden, die die Beschäftigung tauber Menschen unterstützen wollen.

Gab es einen konkreten Anlass, ein solches Fachgebärdenlexikon zu entwickeln?

Ja, aus zufälligen Gründen hatte das BMAS aus Mitteln des Ausgleichsfonds ein Projekt zur digitalen Unterstützung beruflicher Eingliederung gehörloser Menschen zum 1.7.2018 gestartet. Fördernehmer war das Hamburger Softwarehaus Workplace Solutions WPS GmbH. Fast zeitgleich startete auch Anfang 2019 ein von der Max-Planck-Stiftung gefördertes Projekt zur Erstellung eines Fachgebärdenlexikons im Bereich der MINT-Berufe. Es gab Kontakte zur Max-Planck-Stiftung über die gehörlose IT-Mitarbeiterin Uta Meißner, die im Forum der tauben MINTler/-innen mitarbeitet. Auf eine Fachtagung am 20.3.2019 unseres BMAS-Projekts hatten wir auch Vertreter dieses Teams bei der Max-Planck-Gesellschaft – Dr. Ingo Barth und Robert Jasko – eingeladen. Auf dieser Fachtagung lernten sich die beiden Teams näher kennen.

Es konnte in einem Kooperationsvertrag schon kurz danach die Zusammenarbeit förmlich vereinbart werden. Die aufwendige und moderne Software für Sign2Mint wurde von der Workplace Solutions GmbH im Auftrag des BMAS aus Mitteln des Ausgleichsfonds im Rahmen des laufenden Projekts in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut entwickelt. Die Projektleitung wurde von Dr. Guido Gryczan wahrgenommen. Das Team im Max-Planck-Institut erstellte die Fachgebärdensammlung, das IT-Vokabular steuerte WPS dafür bei. Das Team der WPS hat zudem für dieses Fachgebärdenlexikon ein interessantes Tool entwickelt: Mithilfe der Gebärdenschrift ist es möglich, unbekannte Gebärden zu suchen. Die dazu notwendige Digitalisierung der Fachgebärdenvideos kann leider noch lange nicht per Künstlicher Intelligenz erfolgen. Wir nutzen deshalb die Gebärdenschrift. Diese lässt sich praktisch wie Buchstaben einer Lautsprachverschriftung digital erfassen. Die Verschriftung aller 5.263 Fachgebärden in Sign2MINT wurde vom Team bei der WPS vor allem von der DGS-Sprachwissenschaftlerin Britta Illmer vorgenommen. Auf dieser Basis funktioniert innerhalb unseres Fachgebärdenlexikons die Suche unbekannter Gebärden. Diese Gebärdensuche ist auch für DGS-Dolmetscher/-innen beim Einsatz für berufliche Gespräche tauber Menschen von Vorteil. Der regelmäßige Engpass bei IT-kompetenten Dolmetscher/-innen wird so hoffentlich ein Stück weit verringert.

Sie entwickelten auch Gebärden für Fachbegriffe, für die es bis jetzt noch keine Gebärden gab. Für nicht taube Personen: Können Sie kurz erklären, nach welchen Kriterien eine neue Gebärde entwickelt wird?

Für die Entwicklung notwendiger neuer Gebärden wurde die Unterstützung von selbst tauben Gebärdensprachwissenschaftlern in Anspruch genommen. Arbeitsgruppen aus Mitgliedern des Forums tauber MINTler/innen haben die Qualitätssicherung übernommen.

Wie viele »neue« Gebärden haben Sie ungefähr entwickelt?

Etwa 35% der 5.263 aufgenommen Fachgebärden sind neu entwickelt worden – also etwa 1.842 neue Fachgebärden. Das heißt einerseits, es stehen – wie oben beispielhaft dargestellt – für wichtige Fachwörter bisher fehlende Fachgebärden bereit. Allerdings: Die Community und die DGS-Gebärdendolmetscher/-innen begegnen jetzt erstmal einem nennenswerten Anteil von bisher fehlenden neuen Gebärden.

Wie ist die Resonanz auf Ihre Webseite? Haben Sie einen ungefähren Überblick, inwieweit Mitarbeitende aus dem öffentlichen Bereich (d.h. Hochschulen, Fachschulen, Behörden) Ihre Webseite nutzen?

Wir hatten während des Aufbaus dieses Lexikons eine gute Resonanz: über 3.000 Follower während der Projektarbeit. Wir gehen auch von entsprechender Inanspruchnahme nach der eigentlichen Projektlaufzeit aus. Die Nutzung des Angebots ist kostenlos. Man kann also von einem durchaus niederschwelligen Angebot sprechen.

Jetzt, wo die Projektzeit abgelaufen ist, wie geht es mit der Webseite weiter? Werden die Fachgebärden ständig erweitert bzw. wer betreut die Webseite künftig? Wie wird sie künftig finanziert?

Die Website wird im Rahmen eines neuen Projekts zur Digitalen Unterstützung der beruflichen Teilhabe gehörloser Menschen unter der bisherigen Internetadresse weiterbetrieben. Über das neue Projekt kann man sich auf der Homepage informieren (www.digitale-unterstuetzung-gehoerloser-menschen.de). Wir wollen zeitnah ein erweitertes berufliches Fachgebärdenlexikon Sign4all erstellen. Die Arbeiten laufen. Das neue Projekt des BMAS ist bis September 2025 finanziert. Diese Zeit werden wir für Weiterentwicklungen und für die Bewerbung des Produkts nutzen.

Mit ersten Unternehmen bzw. Schwerbehindertenvertretungen in Unternehmen verabreden wir derzeit eine Zusammenarbeit bei der Sammlung von weiteren Fachgebärden. Wir sind auch für weitere betriebliche Anfragen offen. Solche Nachfragen können per E-Mail an Hans-Guenther.ritz@wps.de gerichtet werden. Auch weitere Information und Beratung in Deutscher Gebärdensprache kann ich dann vermitteln. Fast die Hälfte unseres Teams ist selbst taub. Wir können also auch die Fragen von tauben Mitarbeitern aus interessierten Betrieben in DGS jederzeit beantworten. Zudem bieten wir betriebliche oder überbetriebliche Informations- und Schulungsangebote an zur Einweisung in die optimale Nutzung der Digitalen Hilfsmittel. Diese Aufgabe übernimmt unser Projektpartner, die Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) gGmbH.

Wie informieren Sie taube Personen über Ihre Webseite? Arbeiten Sie auch mit Personalräten zusammen (z.B. um die Anzahl der tauben Mitarbeitenden zu erfassen und diese direkt anzusprechen)?

Im jetzt laufenden Projekt des Ausgleichsfonds werden wir weitere taube Arbeitnehmer/-innen, ihre Arbeitgeber und ihre betrieblichen Interessenvertreter mit Informationen ansprechen. Wir sind gerne bereit, auf Ansprache in Betrieben und Dienststellen vor Ort zu informieren. Wir planen auch, einen Instagram-Auftritt noch in diesem Jahr zu starten.

Das Interview führte Martina D’Ascola, Journalistin.

Interessante Webseiten:

Homepage des Projekts

www.digitale-unterstuetzung-gehoerloser-menschen.de

 

Im Gespräch mit

Dr. Hans-Günther Ritz

Dr. Hans-Günther Ritz

publiziert seit Jahren in verschiedenen Verlagen behindertenpolitische Fachbeiträge. Er ist Mitherausgeber des Praxishandbuchs A-Z für Schwerbehindertenvertretungen beim Bund-Verlag und Autor in verschiedenen Rechtskommentaren zum SGB IX und BGG. Für Nachfragen per E-Mail: Hans-Guenther.ritz@wps.de
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