Arbeits- und Gesundheitsschutz

Klimawandel - Wann kommt der Klimaschutz für Beschäftigte?

27. August 2021
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Quelle: Pixabay.com/de | Bild von Jeyaratnam Caniceus

Der Klimawandel birgt – jenseits von Hitze und UV-Strahlung – komplexe Gefährdungen für die Gesundheit der Beschäftigten. Bislang werden die Risiken unterschätzt. Seit 2019 ist die menschliche Gesundheit ein Schwerpunkt der Deutschen Klimaanpassungsstrategie, der Arbeitsschutz wird jedoch kaum bearbeitet. Im Titelthema der »Gute Arbeit« 8-9/2021 analysiert Birgit Kraemer (WSI) den aktuellen Stand.

Es fehlt bisher der erklärte politische Wille der Politik, so Birgit Kraemer vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, bei den staatlichen Anpassungsstrategien zum Klimawandel auch den Arbeitsschutz, die Gesundheit und die Sicherheit der Beschäftigten systematisch anzugehen. Eine internationale Bewegung medizinischer Fachgesellschaften und Ärzteverbände ruft bereits dazu auf, die Folgen des Klimawandels für die öffentliche Gesundheit ernster zu nehmen. Der Gesundheitsschutz gehöre auch in das Zentrum von Konjunktur- und Wiederaufbauprogrammen. Auf die Tarifvertragsparteien und die betrieblichen Akteure kommen damit neue Aufgaben zu.

Blinder Fleck: Klimawandel und Arbeitswelt

In Deutschland richten u.a. die Bundesärztekammer, Forschungsinstitute, die „Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit“ und „Health4Future“ dringende Appelle an die Bundesregierung, Vorsorge für Extremwettereignisse zu treffen und den Klimawandel mit politischen Maßnahmen einzudämmen. Auch das Bundesumweltministerium (BMU) ist am Thema dran, doch für den Erfolg sind ressortübergreifende Aktivitäten nötig.

Für die Arbeitswelt werden die dringenden Mahnrufe nahezu ausgeblendet. Dabei sind viele (fast alle) Beschäftigte durch die Folgen des Klimawandels gefährdeter als die Gesamtbevölkerung: Sie können bestimmten Risiken bei der Arbeit oder auf dem Arbeitsweg nicht ausweichen. Beschäftigte, die im Freien körperliche Arbeit verrichten sind überdurchschnittlich belastet. Betroffen sind aber auch andere Berufsgruppen und Branchen: wie die Pflege, die Logistik und das Transportwesen usf.

Fokus zu eng auf Hitze und UV-Strahlung

Die besonderen Arbeitsbelastungen, die Folgen für die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten, werden bisher kaum wissenschaftlich untersucht und politisch wahrgenommen. Nur Hitze und UV-Strahlen sind seit Jahren Präventionsthemen etwa der IG BAU, Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV, Berufsgenossenschaften und Unfallkassen) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA); es fehlen Forschungsbeiträge und -projekte, die sich systematisch mit allen Facetten und Risiken befassen, die für verschiedene Branchen gelten und dabei helfen, langfristige Präventionsstrategien zu entwickeln. Forschungsbeiträge mit Bezug zur Arbeitswelt müssten mit den Klimaanpassungsstrategien des Bundes und der Länder verzahnt werden. Birgit Kraemer betont: „Klimaschutz und Schutz Beschäftigten vor den Folgen des Klimawandels sind in die Debatten um die Zukunft der Arbeit einzubringen.“

Wo bleiben politische Handlungskonzepte?

Medizinische Forschungsinstitute und engagierte Ärzt:innen fordern zum Beispiel, dass Extremwetter(-perioden) als Gefährdung zu bewerten sind, die Infrastrukturen und Versorgungssysteme lahmlegen können, etwa Krankenhäuser, Rettungsdienste und Sozialeinrichtungen. Argumentiert wird aus dem Blickwinkel der öffentlichen Gesundheit: Public Health. Das Konzept zielt darauf ab, ein besseres Verständnis für die Gesundheits- und Krankheitsprozesse der gesamten Bevölkerung zu gewinnen, um daraus Erkenntnisse für bedarfsgerechte Versorgungsstrukturen zu gewinnen. Das Interesse an den Beschäftigten, verstanden als eine wichtige Bevölkerungsgruppe, ist bisher auf drei Aspekte reduziert:

  • Identifizierung besonders vulnerabler Beschäftigtengruppen
  • Schutz der Beschäftigten in den Versorgungsstrukturen, die im Notfall unverzichtbar sind (Rettungsnotdienst, Krankenhäuser etc.
  • Erkenntnisse zu den Ursachen von Leistungseinbrüchen am Arbeitsplatz, dadurch verursachte Produktivitätsrückgänge.

Diese reduzierte Perspektive auf die Arbeitswelt ist inakzeptabel und benötigt dringend umfassende, nachhaltige und neue Konzepte.

Weitere Informationen

Den umfassenden Beitrag von Birgit Kraemer in »Gute Arbeit« 8-9/2021 (S. 13-16) lesen. Außerdem in dieser Ausgabe das Titelthema »Klimawandel – Die Beschäftigten wirksam schützen« - mit weiteren fünf Beiträgen:

  • Dr. Hans-Guido Mücke (Umweltbundesamt): »Gesundheitsrisiken durch den Klimawandel« (S. 8-12).
  • Theresa Gutknecht, Dr. Hanna Mertes, Dr. Julia Schoierer (Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, München): »Risiken in der Arbeitswelt« (S. 17-20).
  • Ingeborg Bieler, Thomas Hentschel (Peco Institut): »Arbeit unter freiem Himmel« (S. 21-24.
  • Interview mit Carsten Burckhardt (Bundesvorstandsmitglied IGBAU): »Per Tarifvertrag die Dachdecker geschützt« (S. 25-28).
  • Dr. Kersten Bux (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin): »Arbeitsschutzrecht und Klimawandel« (S. 29-32).

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