Prävention

Gesundheitstage: Arbeitsschutz zum Anfassen

19. Mai 2025
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Quelle: industrieblick_Dollarphotoclub

Die Prävention in den Betrieben hat ein Problem: Gefährdungen und Gefahren sind oft abstrakt und theoretisch, auch in der Unterweisung. Salzgitter Flachstahl in Niedersachsen wollte das ändern und entwickelte »Praxistage für den Arbeits- und Gesundheitsschutz« – ein Modell mit großem Erfolg. »Gute Arbeit« 5/2025 zeigt, was dahintersteckt.

Bei Salzgitter Flachstahl sind die »Praxistage für den Arbeits- und Gesundheitsschutz« die Gelegenheit, die Bedeutung des Arbeitsschutzes und die Gründe für Schutzmaßnahmen hautnah mitzuerleben. Die Belegschaft wird nicht nur für die Prävention sensibilisiert, sondern auch überzeugt. Zum Lernen gehören Angebote zum Mitmachen und zum Ausprobieren. Danach »sitzt der Stoff besser«.

Das betriebliche Netzwerk wird mobilisiert

Gesundheitstage sind die Chance, externe und alle internen Arbeitsschutzakteure einzubinden, das betriebliche Netzwerk zu mobilisieren und zu stärken. Ausdrücklich finden die Gesundheitstage bei Flachstahl Salzgitter nicht am Arbeitsplatz statt: Beschäftigte sollen sich vom Arbeitsalltag und der eingeübten Praxis lösen, offen sein für neue Erfahrungen und wichtigen Lernstoff.

Es gibt bunt gemischte Gruppen mit je 20 Leuten, die gemeinsam Stationen absolvieren, analysieren und bewerten. Man trifft nicht das gewohnte Team, es entstehen neue Kontakte und gute Gespräche. Das ist das Salz in der Suppe der Praxistage. Die Chefin der Arbeitssicherheit, Elke Sebold-Tanski, sagt, worauf es ankommt: »Wir müssen die Mitarbeiter*innen für den Arbeitsschutz gewinnen. Niemand kann in einer brenzligen Situation nach den Regeln fragen oder ein Merkblatt lesen«.

Der Betriebsrat mischt mit

Marcus Müller ist Sprecher des Arbeitssicherheits-Ausschusses des Betriebsrats (BR) und aktiv im Team der Praxistage. Für ihn ist der Gesundheitsschutz für rund 6.000 Beschäftigte zentral. Natürlich sei Mitbestimmung ein herausragende BR-Thema, der überall mitredet. Aber auch die Beteiligung der Beschäftigten an den Praxistagen, der Arbeitsschutz zum Anfassen, sei ein großer Gewinn. »Wir zeigen, dass uns die Gesundheit der Beschäftigten am Herzen liegt, das ist ein Aspekt der Wertschätzung.«

Im Mittelpunkt der Praxistage stand im Jahr 2024 das Unfallgeschehen im Werk, denn 2023 war ein Ausnahmejahr, entgegen dem langjährigen Trend stiegen die Unfallzahlen erstmals wieder. Erkenntnisse aus den Unfallanalysen wurden für die Lernstationen genutzt.

Arbeitssicherheits-Training mit Datenbrille Die Gruppen sollten Arbeitsunfälle analysieren und Maßnahmen zur Vermeidung vorschlagen. Die Teams entwickelten eine Präventivstrategie, es standen Virtuell-Reality-Brillen (VR) und Monitore bereit.

Bewegungsstation Aufgrund häufiger Unfälle durch Stolpern und Stürze gab es ein Mitmach-Fitnessprogramm. In Einzel- und Partnerübungen mit (Tennis-)Bällen oder Frisbee-Scheiben wurde die Beweglichkeit, das Koordinations- und Reaktionsvermögen mobilisiert. Wer Spaß hat, setzt das eher in der Freizeit weiter um.

Herzgesundheit Defibrillatoren standen zum Üben bereit. Teilnehmende probten den Einsatz an Puppen, das kann im medizinischen Notfall Leben retten. Zudem bot ein Kardio-Test Hinweise auf individuelle Risiken, es gab Informationen zur Herzgesundheit.

Stolperparcours Über das fiktive Szenario einer Baustelle transportierten die Gruppen Bauteile und mussten Hindernisse unfallfrei überwinden. Es ging um das Training guter Teamkommunikation, für die Beschaffenheit von Verkehrswegen wurde sensibilisiert. 

Escape-Room Ein Highlight war ein Escape-Room im ersten Jahr der Praxistage. Beschäftigte mussten Fragen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz richtig beantworten, um aus einem geschlossenen Raum zu entkommen.

Lärm Eine Simulation vermittelte, wie ein gesundes und ein geschädigtes Ohr hören. Das hat viele interessier, schließlich ist Lärm in der Hütte immer präsent.

Organisation: Aktionen an 16 Arbeitstagen

Um die Teilnahme der gesamten Belegschaft zu ermöglichen, laufen die Praxistage über 16 Tage; sie starten jährlich am 28. April, dem Welttag für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Je Veranstaltung gibt es vier oder fünf Mitmachstationen. Jeder Block dauert ungefähr vier Stunden. Die Teilnahme findet bezahlt während der Arbeitszeit statt. Der erste Block startet um 6.00 Uhr mit der Frühschicht. Der letzte Durchgang beginnt um 22 Uhr und endet um 2 Uhr in der Nachschicht.

Weitere Informationen

Außerdem in »Gute Arbeit« 5/2025: Titelthema »Für die Zukunft rüsten: Arbeits- und Gesundheitsschutz an Schulen«. Darin unter anderem
•    Annett Lindner, Albena Chipkovenska: Arbeits- und Gesundheitsschutz an Schulen: Note mangelhaft (S. 8-12).
•    Prof. Dr. Wolfhard Kohte: BEM an Schulen – So kann es gehen (S. 13-17).
•    Dr. Frank Mußmann, Mark Rackles: Wie erfassen wir Arbeitszeiten von Lehrkräften? (S. 18-21).

Den Beitrag von Dr. Klaus Heimann in »Gute Arbeit« 5/2025 lesen

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