Interview

»Längere Arbeitszeiten sind keine Lösung, sondern ein Risiko«

19. März 2025
presse_hans-juergen_urban_Quelle_IGM

In Sondierungsgesprächen klopfen CDU/CSU und SPD die Optionen zur Wiederauflage einer schwarz-roten Koalition ab. Offen wird dabei über die grundlegende Reform des Arbeitszeitgesetzes gesprochen: Die Abkehr vom Achtstundentag steht im Raum; eine Wochenarbeitszeit könne die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden ablösen. Die Zeitschrift »Gute Arbeit« hat bei Hans-Jürgen Urban nachgefragt, was er und die IG Metall davon halten.

Die IG Metall hat sich bereits dagegen ausgesprochen, am Achtstundentag zu rütteln. Was ist aus deiner Sicht problematisch an der Forderung?

Gleich mehrere Dinge sprechen dagegen. Die bisherigen Höchstarbeitszeiten im Arbeitszeitgesetz (ArbZG) orientieren sich an den biologischen Leistungsgrenzen der Menschen und sind für den Schutz ihrer Gesundheit unerlässlich. Das gilt sowohl für die wöchentlichen, ausdrücklich aber auch für die täglichen Höchstarbeitszeitgrenzen.

Es ist bekannt, dass die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit bei langen Arbeitszeiten über acht Stunden deutlich sinken und auch das Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen aufgrund von Verausgabung und Erschöpfung zunimmt. Das Unfallrisiko steigt ab der neunten Stunde exponentiell an. Die Schaffung einer »wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit« kommt daher einer substanziellen Absenkung der Schutzstandards des ArbZG gleich und ist deshalb abzulehnen.

Gibt es aus Perspektive des Gesundheitsschutzes weitere kritische Aspekte?

Ja, durchaus! Zum Beispiel verlören viele der heute geltenden Grenzwerte und ähnliche regulative Schutzvorkehrungen ihre Schutzfunktion. Denn egal ob es um Lärm, körperliche Belastung oder Gesundheitsrisiken durch Gefahrstoffe geht – der Umfang einer zulässigen Belastungsexposition wird häufig unter der Annahme ermittelt, dass Beschäftigte gesundheitsschädlichen Bedingungen für höchstens acht Stunden ausgesetzt sind. Würden die Pläne der Koalitionäre in spe umgesetzt, drohen daher erhebliche Schutzlücken.

Neben einer Gefährdung für die Gesundheit der Beschäftigten wäre deshalb auch mit erheblichen Kostensteigerungen für das Gesundheitssystem und einer weiteren Zunahme von Ausfalltagen zu rechnen. Das kann keiner wollen!

Die Befürworter des Vorstoßes betonen die ökonomische Notwendigkeit einer Reform des Arbeitszeitgesetzes.

Ich halte diese Einschätzung gelinde gesagt für Humbug. Die anvisierte Änderung des Arbeitszeitrechts ist nicht nur riskant für die Beschäftigten, sondern auch völlig unnötig, um den betrieblichen Flexibilitätsbedürfnissen gerecht zu werden. Tatsächlich weisen die Arbeitszeiten in Deutschland aufgrund der bestehenden gesetzlichen Regelungen und tarifvertraglicher Gestaltungsmöglichkeiten doch bereits heute ein enorm hohes Maß an Flexibilität auf. Die Forderung nach mehr Leistungsbereitschaft und Mehrarbeit, die im Vorstoß der Sondierer zum Ausdruck gebracht wird, ist aus unserer Sicht eigentlich ein Skandal.

Immerhin arbeiten bereits heute rund 44 Prozent der Beschäftigten durchschnittlich länger als vertraglich vereinbart. Jeder Vierte leistet mehr als fünf Überstunden pro Woche. Die tatsächliche durchschnittliche Arbeitszeit liegt daher bei ungefähr 43 Stunden. Zwölf Prozent arbeiten sogar im gesundheitsgefährdenden Bereich von 48 Stunden und mehr. Insgesamt lag das Arbeitszeitvolumen mit 54,7 Milliarden Arbeitsstunden im Jahr 2023 auf dem höchsten Wert seit 1991.

Im Gespräch ist auch eine Steuerbefreiung von Zuschlägen bei Mehrarbeit. Was hältst du davon?

Aus Sicht des Arbeits- und Gesundheitsschutzes setzen derartige Regelungen insbesondere in der »Rushhour des Lebens« völlig falsche, in der Praxis oft gesundheitsschädliche Handlungsanreize. Sie würden auch die zunehmende Arbeitsverdichtung weiter beschleunigen. Viele Beschäftigte arbeiten längst an der Belastungsgrenze. Wir brauchen in den Betrieben also eher bessere, ergonomischere Arbeitszeitregime. Die geplanten Neuregelungen würden diesen dringend nötigen Schritt zur Humanisierung der Arbeit völlig konterkarieren.

Das Interview führte Beate Eberhardt. Das komplette Interview mit Dr. Hans-Jürgen Urban, seit November 2007 geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und bei der Gewerkschaft verantwortlich für die Themen Sozialpolitik sowie Arbeitsgestaltung und Qualifizierungspolitik, ist in der Ausgabe 4/2025 der Zeitschrift »Gute Arbeit« zu lesen (erscheint ab 4.4.2025). 

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