Sondierungspapier

Pläne zu Arbeitszeiten gefährden Gesundheit, Familien und die Demokratie

01. April 2025
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Quelle: © Joachim Wendler / Foto Dollar Club

Frauen als Leidtragende, mehr fehlende Fachkräfte, Gefahren für die Gesundheit: Das Sondierungspapier der künftigen Koalitionspartner CDU/CSU und SPD zeigt deutliche Schwächen, attestieren Experten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Das kritisierte Sondierungspapier der Parteien enthält u.a. den Plan, die Höchstarbeitszeit pro Woche statt pro Tag zu bemessen. Zudem ist geplant, finanzielle Anreize durch Steuererleichterungen für Mehrarbeit einzuführen. Das könnte laut WSI allerdings zu deutlichen Ausweitungen von Arbeitszeiten führen – eine Gefahr für die Gesundheit der Beschäftigten.

Sehr lange Arbeitszeiten schadeten allerdings nicht nur der Gesundheit, sondern auch der Gleichstellung, analysieren die Wissenschaftler*innen der Hans-Böckler-Stiftung. Sie befürchten durch die Maßnahmen größere Geschlechterungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt: Frauen, insbesondere Mütter jüngerer Kinder, hätten häufig ohnehin keinen Spielraum für längere Erwerbsarbeitszeiten. Durch steuerlich geförderten Überstunden hätten Männer, die eher Mehrarbeit leisten könnten als Frauen, noch weniger Zeit für die Familie, was Partnerschaften und Familien belasten würde.

Zudem sehen die Forschenden in den Maßnahmen das Potenzial, die Demokratie in Deutschland zu schwächen, weil für Beschäftigte noch weniger Zeit für politisches oder gesellschaftliches Engagement bliebe. Umfragen zufolge sei nur ein gutes Drittel der Erwerbstätigen im gewünschten Maß aktiv, unter erwerbstätigen Müttern sogar nur jede fünfte Frau.

Das Arbeitszeitgesetz dürfe daher nicht aufgeweicht, sondern müsse gestärkt werden, fordern die Urheber*innen der WSI-Kurzanalyse. Sie empfehlen vier wesentliche Maßnahmen:

  • Einführung einer zehntägigen bezahlten Freistellung von Vätern und zweiter Elternteile nach der Geburt, wie es die einschlägige EU-Richtlinie vorsieht
  • Ausweitung der Partnermonate beim Elterngeld
  • Reform des Brückenteilzeitgesetzes, damit mehr Beschäftigte es nutzen können
  • Einführung einer steuerfinanzierten Entgeltersatzleistung für pflegende Angehörige.

Außerdem plädieren die Forschenden für ein Wahlarbeitszeitgesetz, wie es der Deutsche Juristinnenbund vorgeschlagen hat, beziehungsweise für zeitflexible Modelle mit der Möglichkeit, sich u.a. gesellschaftlich zu engagieren.

»Wenn es gewünscht ist, dass Frauen – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels – mehr Erwerbsarbeit leisten, müssen Maßnahmen ergriffen werden, die dazu beitragen, dass Sorgearbeit fairer zwischen den Geschlechtern verteilt wird. Die angekündigten Maßnahmen weisen allerdings in die entgegengesetzte Richtung«, sagt Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, die wissenschaftliche Direktorin des WSI. 

Quelle

Pressemitteilung der der Hans-Böckler-Stiftung vom 1.4.2025

© bund-verlag.de (mst)

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