Arbeitskultur

Was tun gegen psychische Belastung bei Selbststeuerung?

08. Juli 2025
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Quelle: © diego cervo / Foto Dollar Club

»Moderne« Arbeitskultur bringt mehr Eigenverantwortung und flachere Hierarchien. Beschäftigte steuern sich selbst. Sind Ziele und die individuelle Verantwortung aber zu hoch, neigen Beschäftigte dazu, sich zu verausgaben: Der Druck steigt. Die »Gute Arbeit« 6-7/2025 beleuchtet das Phänomen.

Interessengeleitete oder interessierte Selbstgefährdung: Das ist schon länger ein Präventionsthema im Zusammenhang mit psychischer Belastung. Selbstgefährdung baut sich auf, wenn die Personalführung oder eine schlechte Arbeitsorganisation Beschäftigte überfordert: Vorgaben sind unrealistisch hoch, Ressourcen in der Arbeit fehlen.

Was ist »interessierte Selbstgefährdung«?

Dabei geht es nicht nur um vereinbarte Ziele oder um festgelegte Aufgabenbereiche, die mit Führungskräften ausgehandelt werden. Eine hohe Motivation der Beschäftigten, gerade auch in sozialen Berufen, resultiert aus dem oft stark ausgeprägten Verantwortungsgefühl: Man möchte die Menschen, die einem anvertraut sind, nicht im Stich lassen: Intrinsische Motivation ist der innere Antrieb, eine Aufgabenstellung sehr sorgfältig zu erfüllen, nicht nur weil eine Sanktion droht. Eigene Bedürfnisse werden dann teils hintangestellt oder ignoriert.

Wie geht man Präventionsinitiativen an?

Arbeitsschutzrechtlich gilt: Der Arbeitgeber muss Gesundheitsgefährdungen mindern, sie möglichst zu verhindern, vorrangig durch technische Maßnahmen, in der sozialen Arbeit eher durch organisatorische Maßnahmen; individuelle Maßnahmen sind nachrangig umzusetzen. Die betriebliche Interessenvertretung kann ihre Mitbestimmungsrechte einsetzen, damit Arbeitgeber/Vorgesetzte die Vorgaben bei den Arbeitsaufgaben oder Zielvereinbarungen (indirekte Steuerung) realistisch bemessen und die Ressourcen für Beschäftigte stimmen. Das ist oft zäh, aber lohnenswert, wenn das Personal beteiligt wird und die Interessenvertretung mit den Teams im Gespräch bleibt.

Wie die belastenden Arbeitsbedingungen anpassen?

Am besten, wenn die Ergebnisse einer umfassenden Gefährdungsbeurteilung der körperlichen und psychischen Belastungen nach Arbeitsschutzgesetz vorliegen (§ 5 ArbSchG in Verbindung mit den §§ 3, 4, und 6 ArbSchG). Zur Erfassung der psychischen Belastungen sind Befragungen und Workshops geeignet; an den Ergebnissen ist ablesbar, was gut, was einigermaßen und was schlecht läuft im Betrieb oder in der Einrichtung (Krankenhaus, Dienststelle). Die Beschäftigten sollen an der Entwicklung von Maßnahmen zur Entlastung beteiligt werden. Die Interessenvertretung ist in der Mitbestimmung über den Ablauf des Verfahrens und die Methoden der Gefährdungsbeurteilung. Bewährt hat sich eine betriebliche Regelung zur externen Begleitung und Moderation der Gefährdungsbeurteilung. 

Wie schaffe ich es, dass Beschäftigte mitmachen?

Das ist schwierig, denn indirekte Steuerung über Aufgaben und Ziele in der sozialen Arbeit führt oft dazu, dass die Interessenvertretung kaum Rückmeldungen erhält. Beschäftigte arbeiten vereinzelt als »Ich-AG«, kümmern sich um »ihre Menschen«, wollen sich seltener kollektiv wehren: die Entsolidarisierung schreitet schleichend voran. Deshalb muss die Interessenvertretung das »WIR« stärken:

> Individuelle Selbstsorge
Zunächst ist zu fragen, wie es Beschäftigten individuell in ihrer Situation geht. Sie können zur Frage angeregt werden: Was kann »ICH« für mich tun?

> Kollegialität und Solidarität
Nur im gemeinsamen Gespräch ist zu klären, ob das »WIR« als Arbeitsteam leidet. Um Probleme, Überlastung und Ursachen aufzudecken, sind Teambesprechungen mit gezielten Fragen hilfreich:

  • Welche Standards (von früher) wurden verändert oder Ressourcen verändert?
  • Wie hat sich die »Fraktionierung« oder Fragmentierung der Arbeit entwickelt (öfter Trennung der Zuständigkeit von Fachkräften und Hilfsarbeiter*innen?
  • Haben sich Anforderungen in der Interaktionsarbeit verändert? 
  • Wie gut können wir unsere Arbeit erledigen (Qualität, Abstriche)?
  • Welche Ressourcen brauchen wir, um die Arbeit besser zu machen?
  • Wie können wir als Team verdeutlichen, dass eine Belastungsgrenze überschritten wird?

Solche und viele weitere Fragen sind in allen Branchen hilfreich, wenn Abteilungsversammlungen und Teamgespräche anstehen.

Weitere Informationen
Neugierig auf zwei Beiträge von Christian Janßen zu Arbeitsstress und Selbstgefährdung? Mehr lesen im Titelthema »Gute Arbeit« 6-7/2025 »Arbeitsintensität: Stressprävention als Führungsaufgabe«. Darin unter anderem:

  • S. Boltz et al: Analyse: Belastungen, Unfallrisiken und Stellschrauben der Prävention (S. 8-13).
  • C. Janßen: Arbeiten als »Ich-AG«: Psychische Belastung durch Selbststeuerung (S. 14-17).
  • C. Janßen: Was tun gegen psychische Belastung bei Selbststeuerung (S. 18-21).
  • K. Klasmeier et al.: Empowerment: Eine Chance für Beschäftigte? (S. 22-24)

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