Videokonferenzen

Woher kommt die »Zoom Fatigue«?

26. November 2020
Videokonferenz
Quelle: pixabay

Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass Präsenztreffen immer häufiger durch Videokonferenzen ersetzt werden. Das spart Fahrtzeiten und schützt die Gesundheit, hat aber nicht nur Vorteile. Eine Studie zeigt, dass ständige virtuelle Meetings müde machen und zu Erschöpfungssymptomen führen können.

Der Begriff »Zoom Fatigue« kombiniert das weit verbreitete Videokonferenzsystem ZOOM mit dem französischen Wort für Müdigkeit oder Erschöpfung, »Fatigue«. »Zoom Fatigue« beschreibt also die durch Videokonferenzen erzeugte Ermüdung oder Erschöpfung, wobei der Name Zoom hier nur exemplarisch für Videokonferenzsysteme steht. Eine Studie mit 422 Befragten, durchgeführt durch das »Institut für Beschäftigung und Employability« (IBE) der »Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen«, ergab, dass 60 % der Befragten eine solche Ermüdung spüren. 77,7 % der Befragten gaben an, dass die Ermüdung »manchmal« auftritt, nur 7,6 % spüren die Ermüdung »selten«. 160 der befragten Personen empfinden die Belastungen dann sogar als stark oder sehr stark.

Warum sind Web-Meetings solche Müdemacher?

Bei einer Videokonferenz ist - im Vergleich zu Meetings vor Ort - erhöhte Aufmerksamkeit gefordert. Die Gründe dafür sind vielfältig. Unter anderem gehören dazu:

  • Probleme bei der Anmeldung zur Besprechung, wie z.B. das Testen der Ton- und Bildqualität beim Anmelden im Videokonferenzsystem.
  • Teils stark schwankende Ton- und Bildqualität während der Besprechung.  
  • Teilnehmende sind wegen gepixelter Videobilder schlecht zu sehen.
  • Einzelne Mikrofone werden nach einem Redebeitrag nicht wieder abgestellt und erzeugen Störgeräusche.
  • Schnelle Fragen und Antworten sind per Videokonferenz nicht möglich, da es dann zu Störungen der Übertragungsqualität kommt.
  • Sprechende schauen häufig nicht in die Kamera, was zu Irritationen bei den anderen Gesprächsteilnehmenden führt.
  • Ablenkung: Teilnehmende haben zwar ihr Mikrofon ausgeschaltet, tippen aber intensiv auf der Tastatur oder führen während der Konferenz Telefongespräche.
  • Viele Gesichter sind in der Konferenz zu sehen und jede kleine Bewegung wird wahrgenommen.

Ein weiterer Belastungsfaktor ist das Gefühl, beobachtet zu werden. Auch das Fehlen von Small Talk und der Möglichkeit zum Networken wirken belastend. Zu wenige Pausen in und zwischen den Meetings tun ihr übriges - schließlich entfallen nun natürliche Pausen, die vorher für den Raumwechsel oder die Anfahrt notwendig waren. Die genannten Störfaktoren führen dazu, dass die Teilnehmenden sich verstärkt konzentrieren müssen. Das führt bekanntermaßen zu einer schnelleren Ermüdung bis hin zur Erschöpfung und kann sich  z.B. in einer schlechteren Konzentrationsfähigkeit, einer gesteigerten Reizbarkeit und dem unwirschen Agieren gegenüber den Mitmenschen, aber auch in Kopf- und Gliederschmerzen äußern.

Was kann man gegen das Entstehen von »Zoom Fatigue« tun?

Um diesen Phänomen entgegenzuwirken sollten Videokonferenzen zeitlich befristet sein. Eine Videokonferenz über einen ganzen Tag ist lange nicht so effektiv, wie zwei kürzere Videokonferenzen an unterschiedlichen Tagen. Weitere Möglichkeiten, um den Stress zu reduzieren sind z.B.:

  • am eigenen Rechner die Ton- und Bildqualität optimal einstellen,
  • regelmäßige kurze Pausen im Meeting,
  • mindestens 10 Minuten Pause nach jedem Meeting,
  • eine Begrenzung der Gesamt-Meetingzeit
  • eine humorvolle Moderation, die alle Teilnehmenden mit einbindet.

Die Studie ist ein erster Blick auf das Phänomen »Zoom Fatigue«. Sie zeigt aber bereits, dass virtuelle Meetings zu einer erhöhten Arbeitsbelastung führen können.

Fazit: Gute Meetings statt viele Meetings?

Für gesetzliche Interessenvertretungen ergeben sich aus dieser Studie mehrere Folgerungen: Die Beschäftigten benötigen eine gute technische Ausstattung (Webcam, Headset …) und Moderator*innen sowie Teilnehmende sollten für virtuelle Konferenzen geschult sein. Aber auch völlig »kostenlose« Mittel bei der Organisation der Konferenzen (z.B. ein »Raum« oder Chat für Smalltalk und Pausen) können helfen. Der Einsatz von virtuellen Konferenzen sollte in einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung so geregelt sein, dass Stressfaktoren reduziert werden. Wichtige Stichpunkte für eine solche Vereinbarung gibt die genannte Studie. Sie sollten aber mit datenschutzrechtlichen Vorgaben ergänzt werden.

Die Studie des IBE steht hier kostenlos zum Download bereit: https://www.ibe-ludwigshafen.de/zoom_fatigue

Von Josef Haverkamp, IKT-Fachjournalist, Zertifizierter Datenschutzbeauftragter, Pohlheim.

(CT)

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