Interview

Schulterschluss schafft Vertrauen

24. April 2026
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Quelle: © Andre Bonn / Foto Dollar Club

Der Einstieg der italienischen UniCredit bei der Commerzbank AG im September 2024 stellte den Betriebsrat vor ungeahnte Herausforderungen. Wie die Arbeitnehmervertretung des traditionsreichen deutschen Bankhauses dem drohenden feindlichen Übernahmeversuch begegnete, berichten die Vorsitzenden von GBR und KBR Sascha Uebel und Nina Olderdissen im Gespräch mit Christof Herrmann.

Die Kulisse hätte dramatischer kaum sein können: Die Aussicht auf einen massiven Personalabbau, die Verlagerung zentraler Funktionen ins Ausland und erhebliche Eingriffe in die betriebliche Mitbestimmung prägten den jüngsten Übernahmeversuch der UniCredit. Mit dem Programm »Momentum« haben Arbeitnehmervertreter zusammen mit der Unternehmensführung ein starkes Zeichen gesetzt. 

Was war die Ausgangssituation für das Projekt?

Sascha Uebel (SU): Die Ausgangssituation für das Programm »Momentum« war außergewöhnlich angespannt. Mit dem Einstieg der UniCredit im September 2024, zunächst mit neun Prozent und nur wenige Wochen später durch derivative Instrumente bereits bei rund 21 Prozent, wuchs die Sorge innerhalb der Commerzbank-Belegschaft rasant. Spätestens mit der Aufstockung auf 28 Prozent im Dezember 2024 wurde deutlich, dass eine mögliche feindliche Übernahme durch die UniCredit kurz bevorstehen könnte. Für die Arbeitnehmervertretung bedeutete dies einen erheblichen Leidensdruck: Drohende Synergieeffekte, die in der Vergangenheit fast immer zu massivem Personalabbau geführt hatten, die mögliche Verlagerung zentraler Funktionen ins Ausland und andere Standorte sowie Einschnitte in die betriebliche Mitbestimmung rückten in greifbare Nähe. Dieser Druck verstärkte sich vor dem Hintergrund der Unternehmensgeschichte. Nach zwei Jahrzehnten ständiger Restrukturierungen, staatlicher Beteiligung, Führungswechseln und schmerzlicher Einschnitte hatte sich die Commerzbank mühsam zurück in den DAX gekämpft – unter hohen Belastungen für die Beschäftigten. Die Vorstellung, direkt nach dieser Phase erneut vor einer existenziellen Herausforderung zu stehen, traf uns alle hart. 

Wie hat sich der Betriebsrat aufgestellt?

SU: Parallel dazu befand sich die Mitbestimmung selbst im Umbruch. Zahlreiche erfahrene Betriebsratsmitglieder verließen das Unternehmen zum Jahresende 2024 in wohlverdiente Alterslösungen. Auf Basis eines Haustarifvertrags standen Fusionen von Betriebsratsbereichen, die Verkleinerung des Gesamtbetriebsrats und vorgezogene Neuwahlen an. Nina und ich wurden im Januar 2025 als neue Vorsitzende für den Gesamtbetriebsrat (GBR) und den Konzernbetriebsrat (KBR) gewählt. Ein wirklicher Umbruch und Generationenwechsel für die Mitbestimmung in der Commerzbank AG. Ausgerechnet inmitten dieser Neuordnung musste sich die Arbeitnehmervertretung dieser Herausforderung stellen – und zugleich beweisen, dass die neue Generation der Betriebsräte die Interessen der Beschäftigten wirksam verteidigen kann. 

Entscheidend für den weiteren Verlauf war, dass Vorstand und Arbeitnehmervertretung die Lage identisch bewerteten: Eine feindliche Übernahme war weder willkommen noch im Interesse der Beschäftigten, der Bank oder ihrer Kundinnen und Kunden. So entstand eine gemeinsame Zielvorstellung: Geschlossenheit, entschlossene Abwehr einer feindlichen Übernahme und der klare Nachweis gegenüber Investoren und Öffentlichkeit, dass die Commerzbank eigenständig die bessere, leistungsfähigere Bank ist. So entstand Momentum: Eine umfassende Betriebsänderung mit einem Wachstumsprogramm und dem Abbau von weiteren, rund 3.300 Stellen in der Commerzbank AG im Inland. 

Wie seid ihr dann vorgegangen?

SU: Dieses seltene »Momentum« nutzten beide Seiten konsequent. Die neue Verantwortlichkeit auf Vorstandsebene, ein Kurswechsel im Human-Resources-Bereich und im GBR erleichterte die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Verbindlichkeit, Transparenz und Offenheit prägten die Gespräche. Im kleinen Kreis wurden zentrale Fragen vorab besprochen – ohne taktische Manöver, ohne Pokern. Schon zu Beginn wurden die roten Linien beider Seiten klar formuliert: Was ist machbar? Was ist ausgeschlossen? Was braucht es für eine tragfähige Lösung? 

Der geschäftsführende Ausschuss des GBR wurde frühzeitig und umfassend eingebunden, noch bevor Fakten geschaffen wurden. Im Gesamtgremium war das Grundvertrauen sofort spürbar. Eine erfahrene, seit Jahrzehnten für den GBR arbeitende Anwaltskanzlei, zwei elementar unterstützende Gewerkschaftssekretäre und das Vertrauen in die beiden neuen Vorsitzenden war ein zentraler Erfolgsfaktor – und vielleicht auch die einzige realistische Basis, um in einer derart kritischen Lage handlungsfähig zu bleiben. 

Wo gab es Reibungen, welche Hürden mussten überwunden werden?

Nina Olderdissen (NO): Inhaltlich ergab sich nur ein echter Konfliktpunkt: die Forderung nach einem schriftlichen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen und einer erweiterten Standortgarantie. Beides ließ sich in der hochdynamischen Situation nur indirekt durchsetzen. Die größte Hürde war jedoch die Zeit. Eine vollständige Strategie erst fertig auszuhandeln und danach zu kommunizieren erschien angesichts der Marktlage und dem Druck von Medien und Investoren nicht opportun. Um dennoch Sicherheit zu schaffen, wurde die Lösung einer Vorabvereinbarung gewählt: der Transformationsvereinbarung. Sie sichert die wesentlichen Interessen der Beschäftigten langfristig ab — sogar für den Fall einer Übernahme durch die UniCredit. 

Was sind die konkreten Ergebnisse und wie sieht die weitere Umsetzung aus?

NO: Die konkreten Maßnahmen sind für die Belegschaft klar spürbar. Personalabbau erfolgt ausschließlich über Altersinstrumente und in besonders betroffenen Bereichen sogar mit einseitiger Freiwilligkeit. Herzstück ist eine attraktive Altersteilzeitregelung ab dem 65. Lebensjahr, ergänzt um eine einmalige Sonderzahlung. Diese Lösung erhöht die Planungssicherheit erheblich, schafft Stabilität im Personalkörper und stellt den notwendigen Know-how-Transfer sicher. 

Wie werden die personellen Maßnahmen in der Belegschaft aufgenommen? 

NO: Entscheidend ist, dass die Arbeitnehmervertretung den Grundsatz »Jeder Mitarbeiter kommt an« konsequent umgesetzt hat. Personalabbau ist nie populär. Die Reaktionen in der Belegschaft fallen daher je nach Betroffenheit unterschiedlich aus. Gleichwohl zeigt sich klar: Die Mehrheit versteht die Vorgehensweise. Viele sehen, dass eine Übernahme voraussichtlich zu wesentlich drastischeren Einschnitten geführt hätte. Die Maßnahmen, insbesondere der Sozialplan, gelten als überdurchschnittlich gut. Das spiegelt sich auch darin wider, dass nur vereinzelt Kritik aufkam. 

Welches Signal geht von dieser Entwicklung aus?

SU: Mit ihrem Vorgehen hat die Arbeitnehmervertretung — gemeinsam mit der Unternehmensführung – ein starkes Zeichen gesetzt. Nach innen wie nach außen wurde deutlich sichtbar, dass die Bank mit Geschlossenheit, Kreativität und Entschlossenheit für ihre Eigenständigkeit einsteht. Unterstützt durch ver.di und den Großaktionär Bund ist die Commerzbank rund 16 Monate nach dem Einstieg der UniCredit immer noch eigenständig. 

Die Interviewpartner

Nina Olderdissen (li) ist Stellvertretende Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der Commerzbank AG. Sascha Uebel ist Vorsitzender des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Commerzbank AG. 

Das Interview führte Christof Herrmann für »Arbeitsrecht in Betrieb« 4/2026. Den Beitrag findet Ihr ab Seite 18. 

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