Bronzepreisträger im Interview

Hilfe gegen das Trauma

28. Februar 2023
Bronze

DEUTSCHER PERSONALRÄTE-PREIS: Die Personalvertretung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) initiierte eine Krisenbegleitung für Beschäftigte, insbesondere für Mitarbeiter:innen in besonders belasteten Arbeitsbereichen.

Für ihr Projekt »Hilfe gegen das Trauma« erhielt das Gremium auf dem Schöneberger Forum in Berlin den Deutschen Personalräte-Preis 2022 in Bronze.

Ein Interview mit dem PR-Vorsitzenden Nils Hoffmann

Foto: Nils Hoffmann (Mi.) zusammen mit Elke Hannack, 2. DGB-Vorsitzende (re.) bei der Preisverleihung auf dem Schöneberger Forum in Berlin

 

Was war die Initialzündung für das Projekt?

Die Tätigkeit, nicht nur in der Notaufnahme, führt die Mitarbeitenden häufig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Nennen möchte ich zwei Beispiele aus der Praxis, die mit dazu beigetragen haben, dieses Projekt anzuschieben: Bei der Behandlung ist eine Kollegin während der Narkoseeinleitung für den Patienten verstorben. Ein Riesenschock für alle, die unmittelbar dabei waren. Zweiter Fall: Ein Kollege aus dem Labor bekam bei der Probenbehandlung von HIV-Infizierten Spritzer ins Auge. Es dauerte dann über ein Jahr bis endlich Sicherheit darüber Bestand, dass er sich dabei nicht infiziert hatte. Aber auch an anderer Stelle laufen die Dinge manchmal aus dem Ruder. Immer wieder kommt es zu körperlichen und verbalen Gewalthandlungen gegen Beschäftigte. Das macht etwas mit den Menschen.

Wie ist das Gremium vorgegangen, um hier nach Lösungen zu suchen?

Wir haben uns umfassend kundig gemacht und nach praktischen Möglichkeiten gesucht. So konnten wir u.a. von Erfahrungen unserer Kollegen am Uniklinikum Bonn profitieren, die bereits Krisenbegleiter im Einsatz haben.

Welche Rolle spielte dabei der hauseigene Arbeits- und Organisationspsychologe?

Zusammen mit dem unserem Arbeits- und Organisationspsychologen Christian Bock, mit dem ich zusammen den Bronzepreis in Berlin entgegennehmen nehmen durfte, konnten wir uns ein passendes Modell überlegen und bearbeiten. Er hat die Fühler in alle Richtungen ausgestreckt, unterstützte den Personalrat bei den ersten Einladungen und moderierte zudem die einführenden Treffen. Zusammen mit ihm haben wir die notwendigen Schulungen für die Ausbildung zum Krisenbegleiter beauftragt. Herr Bock koordiniert diese Schulungen und Weiterbildungen und die Treffen der Krisenbegleiter. Damit ist er ein zentraler Ansprechpartner für alle Beteiligten.

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Wie hat die Dienststelle auf Ihre Initiative reagiert?

Die gemeinsame Vorstellung des Konzeptes von Personalrat und Arbeits- und Organisationspsychologen hat die Dienststelle schnell überzeugt. Die Verantwortlichen sind unserer Argumentation gefolgt, dass eine Krisenbegleitung für Beschäftigte nicht nur sinnvoll, sondern notwendig ist. Daher wurden uns entsprechende Mittel für die Schulungen bereitgestellt. Mittlerweile sind 40 Kolleg:innen aus allen Bereichen – dazu zählen Ärzte, Pflegekräfte, Sekretariatsangestellte und Technikkräfte – zu Krisenbegleitern ausgebildet. Für diese Schulung sind mindestens drei Lehrgänge notwendig, damit eine Zertifizierung erfolgen kann. Wir alle, auch ich zähle zu diesem Kreis, werden fortlaufend geschult, u.a. in Fragen der Gesprächsführung, aber auch im Umgang mit Kolleg:innen aus unterschiedlichen Religionen und deren Umgang mit existentiellen Fragen. In den Terminen geht es ganz wesentlich auch darum, Emotionen zuzulassen und zuzuhören.

Warum haben Sie keine Dienstvereinbarung zu dem Thema abgeschlossen?

Wir wollten erstmal sehen, wie das Ganze startet und wie sich die Krisenbegleitung in der Praxis etabliert. So müssen Krisenbegleiter rund um die Uhr erreichbar sein, was ja auch Auswirkungen auf das Arbeitsverhältnis hat. Zum gegebenen Zeitpunkt werden wir darüber beraten, ob eine Dienstvereinbarung dazu notwendig ist.

Wie läuft die Beratung/ Unterstützung ganz praktisch für Betroffene ab? Welche Angebote gibt es?

Das Angebot wendet sich an alle ca. 11.000 Beschäftigten der Medizinischen Hochschule Hannover. Alle Lebensbereiche werden abgedeckt. Das heißt, die Kolleg:innen können sich nicht nur mit belastenden Themen, die aus ihrer Tätigkeit in der MHH herrühren, sondern auch mit Krisen aus dem Privatleben, die das Arbeitsleben beeinflussen, an uns wenden. Vor diesem Hintergrund können wir auch unseren Beschäftigten aus der Ukraine Gespräche anbieten. Die Anmeldung ist ganz einfach: Die Kolleg:innen können sich über eine Seite des Intranets online an die Krisenbegleiter:innen wenden und erhalten dann sehr kurzfristig eine Antwort auf ihr Anliegen und einen Beratungstermin. Für jeden »Fall« stehen 3 Sitzungen von jeweils bis zu 3 Stunden zur Verfügung. Wer danach noch weitere Hilfe und Unterstützung benötigt, den leiten wir an professionelle Begleiter, z.B. Psychologen, weiter.

Zu welchen Veränderungen hat die Krisenbewältigung in der Dienststelle bei den Beschäftigten geführt?

Bisher war es selbstverständlich, dass sich in unserem Krankenhaus Seelsorger um die Belange und Anliegen von Kranken und Angehörigen kümmern – was absolut unverzichtbar ist. Aber mit unserem Projekt haben wir den Blickwinkel endlich auch auf die Beschäftigten und deren Nöte gelenkt. Das hat zu einer tollen Resonanz bei unseren Kolleg:innen geführt. Sie sehen sich mit ihren Anliegen und Krisen gesehen und haben jetzt eine Anlaufstelle.

Das Interview führte Christof Herrmann, Pressesprecher des Bund-Verlags.

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