Ungesunde Arbeitsbedingungen treiben Krankenstand hoch
Laut einer Analyse der Forscherin Elke Ahlers am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) sind für die steigenden Krankenstände unter anderem belastende Arbeitsbedingungen, Personalmangel, zu wenig betriebliche Prävention, eine höhere Erwerbsquote älterer Beschäftigter und Veränderungen an der Statistik verantwortlich.
Belastungsfaktoren: Arbeitsverdichtung und Angst vor Jobverlust
Seit den Corona-Jahren befinden sich die Krankenstände in Deutschland im Aufwärtstrend und liegen nun auf einem im historischen Vergleich hohen Niveau. Als Erklärung verweist Ahlers auf Fachkräfteengpässe, die auf zwei Ebenen eine Rolle spielen: Die Angst, den Job zu verlieren, und damit der Druck, krank zur Arbeit zu gehen, sei weniger ausgeprägt. Stärker dürfte sich aber auswirken, dass sich wegen des fehlenden Personals hektische und erschöpfende Arbeitsbedingungen ausbreiten. In vielen Betrieben komme es zu Arbeitsverdichtung, Multitasking und Mehrarbeit. Pausen würden eingeschränkt und der Feierabend sei nicht mehr sicher. Viele Beschäftigte könnten abends schlechter von der Arbeit abschalten. „Das alles wirkt sich auf die Arbeitszufriedenheit, auf das Betriebsklima und letztendlich auf die Gesundheit aus.“
Höhere Fehlzeiten in alternden Belegschaften
Für Eltern kleinerer Kinder würden solche Belastungen noch durch den Mangel an Kita-Plätzen sowie Verkürzungen oder Ausfälle der Betreuung verschärft, heißt es in der Analyse. Ahlers weist zudem darauf hin, dass die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen erheblich gestiegen ist. Das sei zwar in vielerlei Hinsicht zu begrüßen, wirke sich aber auch auf den Krankenstand aus, weil krankheitsbedingte Fehlzeiten mit steigendem Alter zunehmen.
Neue digitale Erfassung der Krankenstände
Als weiteren, oft übersehenen Faktor nennt die WSI-Expertin das geänderte digitalisierte Verfahren bei der Erfassung und Weiterleitung von Krankmeldungen. Weil die Krankenkassen nunmehr alle Krankmeldungen digital erhalten, werde eine jahrelange Untererfassung korrigiert.
Überlastung statt Faulheit
Statt sich über eine vermeintlich weniger leistungsbereite arbeitende Bevölkerung zu beklagen, müsse an den relevanten Ursachen der hohen Fehlzeiten angesetzt werden, sagt die WSI-Gesundheitsexpertin. In eigenen Studien hat sie herausgearbeitet, dass vor allem ein wirkungsvoller Schutz vor Überlastung vielfach noch zu kurz kommt. Personalverantwortliche seien dringend gefordert, den Beschäftigten gute und faire Arbeitsbedingungen zu bieten, um den hohen Fehlzeiten entgegenzuwirken. Einseitige Schuldzuweisungen brächten hingegen nur eines: noch mehr Druck und Stress.
Quelle:
Elke Ahlers: Was erklärt den hohen Krankenstand in den Betrieben?
Böckler Impuls 16/2024 vom 10.10.2024
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