3 Arbeit und Gesundheit: Aktuelle Trends

3.1 Arbeitsunfälle

Das Risiko, bei der Arbeit einen Unfall mit möglicherweise gravierenden Folgen zu erleiden, hat während der letzten Jahrzehnte deutlich abgenommen. Noch Mitte der 1960er Jahre ereignete sich im Laufe von 12 Monaten rein statistisch bei jedem zehnten Arbeitnehmer ein Arbeitsunfall, inzwischen nur noch etwa bei jedem vierzigsten. Im Zeitraum 1961-2015 ist die Zahl der meldepflichtigen (d. h. zu mehr als dreitägiger Arbeitsunfähigkeit führenden) Arbeitsunfälle je 1 000 Vollarbeiter in Deutschland um rund 80% zurückgegangen, allein von 1991 bis 2015 hat sie sich von 54,3 auf 23,3 mehr als halbiert (Abb. 52). Darüber hinaus erfolgte eine Verschiebung innerhalb des Unfallgeschehens in Richtung leichterer, nicht meldepflichtiger Unfälle, diese machen seit 1998 den überwiegenden Teil – in den letzten Jahren relativ konstant etwa 55% – des gesamten Unfallvolumens der gewerblichen Wirtschaft aus.

Die Hauptursachen für diese Entwicklungen sind technologische Wandlungsprozesse sowie Verschiebungen in der sektoralen Wirtschafts- und Beschäftigtenstruktur, aufgrund derer besonders unfallträchtige Arbeitstätigkeiten tendenziell an Gewicht verloren haben. Auch der Arbeitsschutz hat zu dem positiven Trend im Bereich der Arbeitsunfälle sicherlich seinen Teil beigetragen. Zu einer wirksamen Unfallverhütung gehörten (und gehören) allerdings nicht nur sicherheitstechnische Maßnahmen und sorgfältige Unterweisungen, sondern auch Begrenzungen der Arbeitszeiten. Es ist eine gesicherte Erkenntnis, dass mit zunehmender Arbeitsdauer, insbesondere jenseits der achten Stunde, das Risiko für Arbeitsunfälle deutlich ansteigt. Deshalb sind »Flexibilisierungsmaßnahmen«, die den Spielraum für lange Arbeitszeiten ausweiten, aus Sicht der Arbeitswissenschaft und des Arbeitsschutzes grundsätzlich als problematisch zu betrachten.

Auch im Jahre 2015 hat die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle je 1 000 Vollarbeiter abgenommen, und zwar um 2,0%. Der Rückgang hat sich damit zwar gegenüber 2014 (-0,8%) wieder etwas verstärkt, blieb aber dennoch hinter den zwischen -5% und -3% liegenden Reduktionsraten der Jahre 2010-2013 zurück. Innerhalb der gewerblichen Wirtschaft sticht allerdings der Bereich Holz/Metall mit einer Absenkung um -6,3% hervor, nennenswerte Rückgänge waren außerdem noch in den Branchengruppen Handel/Warenlogistik (-3,2%) sowie Verwaltung/Bahnen/Glas/Keramik (-2,1%) zu verzeichnen. In den Zuständigkeitsbereichen der restlichen gewerblichen Berufsgenossenschaften gab es nur relativ geringfügige Bewegungen nach oben oder unten, mit Ausnahme des Bereichs Transport/Verkehr, in dem die Unfallziffer außergewöhnlich stark um 9,0% anstieg. Eher ungünstig verlief die Unfallentwicklung auch bei den Unfallversicherungsträgern der öffentlichen Hand (+2,5%). Dagegen wurde in der Landwirtschaft mit -8,5% der weitaus stärkste Rückgang seit Jahren erzielt (Abb. 53).

Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) verfolgte ab dem Jahr 2008 das Ziel einer spürbaren Senkung der Unfallhäufigkeit. Betrachtet man die seitherigen Veränderungen der Unfallzahlen (Abb. 54), scheint dieses Ziel mit einer rund 18%igen Reduktion der »1000-Mann-Quote« in der Gesamtwirtschaft auch tatsächlich erreicht worden zu sein. Am günstigsten fiel die mittelfristige Entwicklung im Nahrungsmittel- und Gastgewerbe (-28,7%), im Bereich Holz/Metall (-21,6%) sowie überraschenderweise im seit jeher relativ wenig unfallträchtigen Bereich Verwaltung/Bahnen/Glas/Keramik aus (-23,2%). (Die Deutlichkeit des Rückgangs bei den Unfallversicherungsträgern der öffentlichen Hand dürfte hingegen primär auf Statistikumstellungen im Jahr 2011 zurückzuführen sein.) In welchem Maße die GDA tatsächlich zur geschilderten Positivbilanz beigetragen hat, lässt sich allerdings kaum seriös beantworten.

Obwohl sich das Unfallrisiko auch im Baugewerbe günstig entwickelt hat, weist letzteres (neben dem Agrarsektor) unter allen Wirtschaftszweigen nach wie vor die mit Abstand höchste Zahl an Arbeitsunfällen je 1 000 Vollarbeiter auf; diese ist hier (mit zuletzt 55,5) fast zweieinhalb Mal so hoch wie im Durchschnitt der gewerblichen Wirtschaft. In der Hierarchie unfallträchtiger Sektoren rangiert danach Transport/Verkehr mit einer um 83% über dem gewerblichen Durchschnitt liegenden Unfallrate vor Holz/Metall (+62%), gefolgt von Nahrungsmittel/Gastgewerbe (+53%). Die niedrigsten Unfallziffern finden sich wie auch schon in den Vorjahren in den Bereichen Gesundheitsdienst/Wohlfahrtspflege und Verwaltung/Bahnen/Glas/Keramik, die vom Mittelwert der gewerblichen Wirtschaft um 30% bzw. 44% nach unten abweichen (Abb. 54).

Die DGUV-Unfallstatistik, aus der die vorgenannten Zahlen entnommen sind (bzw. berechnet wurden), orientiert sich bei der Darstellung sektorenspezifischer Unfallzahlen an den Zuständigkeitsbereichen der nach und nach über Branchengrenzen hinweg fusionierten Unfallversicherungsträger. Einige markante branchenbezogene Unterschiede der Unfallhäufigkeit sind in den entsprechenden Datenaggregaten nicht mehr erkennbar. Hier hilft der »Bericht Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit« der Bundesregierung (SUGA) zumindest teilweise weiter. Darin enthalten ist eine tiefer gegliederte Unfallstatistik, aus der z. B. hervorgeht, dass der Wirtschaftsabschnitt Wasserversorgung/Entsorgung/Umweltsanierung die nach dem Baugewerbe höchste Unfallrate innerhalb der gewerblichen Wirtschaft aufweist. Interessant ist u. a. auch der Hinweis auf die relativ hohe Unfallrate im Bereich Kunst/Unterhaltung/Erholung, die in dem niedrigen Gesamtwert der zuständigen Verwaltungs-BG, wie ihn die offizielle DGUV-Statistik berichtet, gleichsam »untergeht«. Auch die erwähnte SUGA-Statistik bleibt aber insofern unbefriedigend, als sie auf eine Differenzierung des – in punkto Unfallhäufigkeit höchst heterogenen – verarbeitenden Gewerbes vollständig verzichtet.

Die langfristige Verbesserung der Arbeitssicherheit zeigt sich gerade auch bei den schweren, zur Invalidität oder zum Tod führenden Unfällen. Die Zahl der neu gewährten Arbeitsunfallrenten je 10 000 Vollarbeiter – die als Indikator für die Häufigkeit schwerer nichttödlicher Arbeitsunfälle betrachtet werden kann – sank in der Gesamtwirtschaft zwischen 1961 (39,22) und 2015 (3,97) um 90%, seit 1991 hat sie um 66% abgenommen (Abb. 55). Trotz des bereits erreichten niedrigen Niveaus kam es auch 2015 wieder zu einem – im Vergleich zu den Vorjahren allerdings gebremsten – Rückgang um 2,0%. Deutlich stärker ausgeprägt war diese Entwicklung im Bereich der landwirtschaftlichen Unfallversicherung (-7,6%), während sich die Veränderungsraten bei den Unfallversicherungsträgern der öffentlichen Hand und den gewerblichen Berufsgenossenschaften (jeweils -1,3%) sogar leicht unterhalb des gesamtwirtschaftlichen Durchschnittstrends bewegten. Gleichwohl hatten auch hier einige Branchengruppen wieder beachtliche Reduktionsraten zu verzeichnen, allen voran Nahrungsmittel/Gastgewerbe (-10,8%), Handel/Warenlogistik (10,5%) und Holz/Metall (-10,2%). Das andere Extrem bildet die Bauwirtschaft, die ohnehin schon ein stark überdurchschnittliches Niveau neuer Arbeitsunfallrenten pro 10 000 Vollarbeiter aufweist, zuletzt aber auch noch einen Spitzenanstieg dieses Wertes (um 16,7%) zu verzeichnen hatte (Abb. 55).

Tödliche Arbeitsunfälle sind hierzulande inzwischen sehr seltene Ereignisse. Verlor um 1960 herum rein rechnerisch etwa jeder fünftausendste Beschäftigte im Laufe eines Jahres unfallbedingt sein Leben, so traf es zuletzt ungefähr noch einen von 67 000. Allein im Zeitraum 1991-2015 hat sich die relative Häufigkeit tödlicher Arbeitsunfälle um 63% verringert (Abb. 56). Nachdem die Rate im Jahr 2014 um 5,3% angestiegen war, sank sie 2015 wieder um 6,3% auf 1,49 Fälle je 100 000 Vollarbeiter und damit auf den niedrigsten Wert der Nachkriegsgeschichte. Die stärksten Rückgänge gab es zuletzt in zwei Branchengruppen, die ohnehin schon relativ wenig mit tödlichen Unfallrisiken belastet sind, nämlich Handel/Warenlogistik (-38,8%) und Nahrungsmittel/Gastgewerbe (-33,9%).

In anderen Bereichen, etwa Öffentliche Hand (+27,0%) oder Rohstoffe/Chemie (+13,8%) kam es dagegen durchaus auch zu zweistelligen Steigerungsraten. Immer noch mit Abstand am höchsten ist die Rate tödlicher Unfallereignisse in der Landwirtschaft (11,02 Fälle je 100 000 Vollarbeiter; -13,4%), gefolgt von Transport/Verkehr (7,45; +12,7%) und Bau (4,66; +6,9%). Dagegen liegt das Risiko, bei der Arbeit unfallbedingt zu Tode zu kommen, im Gesundheits- und Sozialwesen nahe bei Null (Abb. 56).

Lothar Schröder, u.a.
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