Nachhaltigkeit

IMK-Studie: Klimaschutz rechnet sich

12. September 2025
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Je entschlossener die EU in die CO₂-Neutralität investiert, desto stärker wächst in Zukunft das Bruttosozialprodukt: Zu diesem Schluss kommt das Forschungsinstitut der Hans-Böckler-Stiftung in einer Studie. Das ist mittelbar auch für Beschäftigtenvertretungen relevant.

Transformieren oder nicht transformieren, das ist die Grundsatzfrage in der Klimapolitik. Sie wird meist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gestellt: Können wir uns eine sozial-ökologische Strukturwende leisten?

Für den Euro-Raum gibt eine neue Studie* des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung eine klare Antwort darauf: So teuer Klimaschutz sein mag – teurer ist es, ihn zu vernachlässigen. Theoretisch hätte sich die Grundsatzfrage damit erübrigt: Sie beruht auf Fehlannahmen.
Konkret rechnet es sich laut IMK, »wenn die EU ihr Ziel der CO₂-Neutralität bis 2050 konsequent verfolgt und erreicht«. Im Einzelnen betrifft dies auch die CO₂--Bepreisung, zentrales Instrument der EU zur Senkung der Treibhausgasemissionen. Gemäß Studienergebnissen entstehen dadurch »zunächst negative Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt sowie inflationäre Effekte«, wie die Autoren Dr. Sebastian Watzka, Dr. Christoph Paetz und Yannick Rinne schreiben. Berücksichtige man jedoch die mit dem Klimawandel verbundenen langfristigen Schäden für das Wirtschaftswachstum, „zeigt sich, dass Untätigkeit weitaus schwerwiegendere Folgen“ haben werde. 

Investitionsfonds könnte langfristiges Wachstum steigern

Jenseits der CO₂--Bepreisung empfehlen die Forscher die Einrichtung eines EU-weiten Investitionsfonds, in den zwischen 2027 und 2034 jährlich 170 Milliarden Euro fließen könnten. Geld, das ihrem Vorschlang nach vor allem in ein nicht-fossiles Energiesystem und klimafreundliche Produktion investiert würde. So lasse sich »die Dekarbonisierung der europäischen Volkswirtschaften beschleunigen und gleichzeitig die vorübergehend negativen wirtschaftlichen Auswirkungen abfedern«. 

Die längerfristigen Effekte wären so oder so positiv – und besonders hoch, wenn andere Teile der Welt eine ähnlich ambitionierte Klimapolitik wie die EU verfolgten. Dann läge das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum schon zwischen 2036 und 2040 um ein Prozent höher als ohne Investitionsfonds. Schon dieses Plus würde laut Studie die vorherigen Aufwendungen im Bemühen um CO2-Neutralität ausgleichen. Und in den Folgejahren wüchse der Vorsprung beim BIP deutlich, laut Szenario auf knapp 5 Prozent zwischen 2026 und 2051.

Fossiler Brennstoff wird auch für kleine Betriebe teurer

Klimaschutz rechnet sich: Diese Erkenntnis (die auch eine im Auftrag des WWF erstellte aktuelle Analyse Forums Ökologische Marktwirtschaft bestätigt), ist auch für Unternehmen und in der Folge für Gewerkschaften und Betriebsräte von Belang. Zumal in der EU ab 2027 das Emission Trading System 2 (ETS 2) gilt, für dessen Einführung in Deutschland der Gesetzgeber im März 2025 das Treibhausemissionshandelsgesetz (TEHG) novelliert hat. 

Nach drei Jahren des Übergangs wird das ETS 2 das nationale Emissionshandelssystem (EHS) nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) ablösen; es ergänzt dabei das für energieintensive Industrieanlagen, Kraftwerke sowie die Luft- und die Seefahrt geltende ETS 1. Wie das bisherige nationale System und anders als das ETS 1 verpflichtet das ETS 2 die „Inverkehrbringer“ von Brennstoffen (etwa Gas- und Kohleversorger und Mineralölunternehmen) zum Erwerb von Emissionszertifikaten, nicht die Emittenten – an die allerdings die Kosten für den Erwerb weitergegeben werden können und sollen.  

Das ETS 2 wird auf den Gebäudesektor, den Straßenverkehr sowie einige spezifische Sektoren wie die Energiewirtschaft, das verarbeitende Gewerbe und den Bau angewandt. Da es anders als das nationale EHS weder Festpreise noch die Zuteilung kostenloser Zertifikate vorsieht und die Zahl der ausgegebenen Zertifikate künftig Jahr für Jahr sinken soll, könnten die dann marktgesteuerten Preise für energiesteuerpflichtige Brennstoffe in den genannten Sektoren steigen - und folglich die Emissionen sinken. Das Ziel der EU sind minus 43 % im Gebäude- und im Verkehrssektor und minus 42 % in den anderen Sektoren bis 2030. 

Was können Beschäftigenvertretungen tun?

Das ETS 2 ist insbesondere ob seiner Auswirkungen auf die Energiepreise umstritten. Gerade über die Frage der sozialen Gerechtigkeit und die Entlastung ärmerer Menschen wird heftig diskutiert. Wobei sich die Entwicklung der künftig marktgesteuerten CO₂--Preise – und damit der Kosten für fossil erzeugte Energie – laut in Medien zitierten Expert*innen nicht seriös prognostizieren lässt. Sicher ist nur, dass die Preise mit der Nachfrage und also dem Verbrauch steigen bzw. sinken. 

Auch Betriebe stehen deshalb vor der Frage: Transformieren oder nicht transformieren? Wenn CO2-Einsparungen nicht nur die Klimakrise mäßigen, sondern mindestens mittelbar und langfristig zudem die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens und die allgemeine Preisentwicklung beeinflussen, müsste die Antwort auch die jeweilige Beschäftigtenvertretung interessieren. Zwar haben Betriebsräte in Fragen des Klima- und Umweltschutzes kein direktes Mitbestimmungsrecht, wie Prof. Dr. Wolfgang Däubler 2023 aufgezeigt hat. Aber erstens lasse sich durch Mitbestimmungsrechte auf anderen Gebieten etwas bewegen. Zweitens gebe es andere Möglichkeiten der Einflussnahme: »Da Unternehmen ein Eigeninteresse haben, nicht als Umweltsünder gebrandmarkt zu werden, kann ein Argument des Betriebsrats für mehr Umweltschutz außerordentliches Gewicht bekommen.«

* Christoph Paetz, Yannick Rinne, Sebastian Watzka: The macroeconomic effects of a green European public investment fund – taking climate change into account, IMK Policy Brief Nr. 197, September 2025

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