2.3 Arbeitsunfähigkeit infolge psychischer Störungen

Alle Krankenkassen verzeichnen seit vielen Jahren einen starken und stetigen Anstieg der psychischen Störungen bei den Krankschreibungen. Auch in den Jahren, als der Krankenstand insgesamt rückläufig war, hat die Arbeitsunfähigkeit infolge psychischer Störungen weiter zugenommen.

Bei den DAK-Mitgliedern beispielsweise hat sich die Zahl der Krankheitstage infolge psychischer Störungen seit 1997 um das 3,1-fache erhöht, die Zahl der Fälle stieg um das 2,7-fache (Abb. 42). Der DAK-Report 2014 schreibt dazu: »Der Anstieg der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen ist eine der auffälligsten Entwicklungen in Bezug auf die Krankenstandskennziffern in den letzten Jahren.« (S. 19) Andere Krankenkassen verzeichnen eine ähnliche Entwicklung.

 

Der jährliche Bericht Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit der Bundesregierung (SUGA) fasst Daten mehrerer Krankenkassen zusammen. Danach lagen 2014 die psychischen Störungen mit 11,7% an zweiter Stelle der Krankheitsursachen, noch vor den Erkrankungen des Atmungssystems (10,9%).

Bei einzelnen Kassenarten kann der Anteil der psychischen Störungen am Krankenstand jedoch auch deutlich höher liegen, wie z. B. die DAK-Daten mit einem Anteil von 16,2% für die psychischen Störungen zeigen (Abb. 44).

Die DAK selbst bezeichnet den Anstieg psychischer Erkrankungen als AU-Ursache als »rasant«. Das wird zum einen auf eine bessere Diagnostik zurückgeführt – was auch positiv ist, weil nur eine zutreffende Diagnose eine wirksame Therapie ermöglicht. Die DAK-wies aber auch auf die Bedeutung der Arbeitsbedingungen hin: »Da chronischer Stress ein Risikofaktor für psychische Erkrankungen ist, gehört die Prävention deshalb zunehmend in den Fokus des betrieblichen Gesundheitsmanagements.« (DAK-Report 2015)

Der Dachverband der Betriebskrankenkassen (BKK) registrierte für das Berichtsjahr 2014, dass Muskel-Skelett-Erkrankungen rund ein Viertel aller Krankentage verursachen. Es folgen dann psychische Störungen (16%) und Atemwegserkrankungen mit 13%. Bundesweit erhielten mehr als 30% der BKK-Versicherten einmal eine Diagnose wegen eines psychischen Leidens. Knapp ein Drittel davon waren Depressionen.

In der längerfristigen Betrachtung zeigt sich die Dynamik der kontinuierlichen Steigerung bei psychischen Leiden: Als einzige Krankheitsart stiegen hier in nur einer Generation die Fehlzeiten um das Fünffache: Von knapp einem halben Tag je Pflichtmitglied im Jahr 1976 auf 2,7 Fehltage im Jahr 2014.Im Schnitt dauerte ein einzelner Arbeitsunfähigkeitsfall eines Beschäftigten 13,3 Tage (über alle Erkrankungsarten). Spitzenreiter bei der Falldauer sind psychische Diagnosen mit rund 39 Tagen je Fall – länger als Tumorerkrankungen (34 Tage).

Auch bei den Versicherten der Techniker Krankenkasse haben 2015 die Krankschreibungen wegen psychischer Störungen zugenommen. Etwas weniger als ein Fünftel aller Krankheitstage geht inzwischen auf solche Erkrankungen zurück.

Krankschreibungen wegen psychischer Störungen dauern – mit Ausnahme von Tumorerkrankungen – im Schnitt deutlich länger als Krankschreibungen wegen anderer Diagnosen. Im Jahr 2015 waren es bei den DAK-Mitgliedern 35,5 Tage pro Fall, mehr als fünfmal so viel wie bei den Atmungserkrankungen und fast doppelt so viel wie bei den Muskelskeletterkrankungen (Abb. 45).

Welche Einzeldiagnosen sich in welchem Umfang hinter den psychischen Erkrankungen (ICD 10 F00-F99) verbergen, zeigt Abb. 46. Dort sind die Fehltage je 100 Versichertenjahre für die fünf wichtigsten einschlägigen Einzeldiagnosen dargestellt. Die weitaus meisten Fehltage werden demnach durch Depressionen verursacht.

Betrachtet man die Entwicklung der Krankschreibungen aufgrund psychischer Störungen im Lebenslauf nach Geschlecht, so zeigt sich ein nahezu gleicher Verlauf der AU-Fälle und AU-Tage bei Frauen und Männern, wobei unter den DAK-Mitgliedern die Frauen einen höheren Krankenstand aufweisen als die Männer (Abb. 47).

Untersuchungen zeigen, dass gerade bei psychischen Erkrankungen das Phänomen des »Präsentismus« besonders weit verbreitet ist. Darunter versteht man Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Hier spielt z. B. eine Rolle, dass die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen weiter wirksam ist. Längst nicht alle diagnostizierten psychischen Erkrankungen führen auch zu einer Krankschreibung. Im DAK-Gesundheitsreport 2013, der sich vertiefend mit diesem Thema beschäftigt hat, gaben 31,7% der seinerzeit von der DAK befragten Versicherten an, in den letzten 12 Monaten einmal oder mehrmals trotz psychischer Beschwerden zur Arbeit gegangen zu sein. Es leiden also mehr Beschäftigte an psychischen Störungen, als sich in der AU-Statistik niederschlägt.

Eine besonders auffällige Erscheinung im Zusammenhang von psychischen Belastungen und Krankschreibungen ist die enorme Zunahme von Burnout-Diagnosen in den vergangen zehn Jahren. Seit 2004, als der ICD-Code Z73 erstmals zur Verschlüsselung zur Verfügung stand, stieg die Zahl der AU-Tage durch Burnout im Bereich der BKK je 1 000 Mitglieder von 4,6 auf 87,5 im Jahr 2012 an. Das ist eine Steigerung um den Faktor 19. Im Jahr 2013 erfolgte zum ersten Mal ein Rückgang auf 77,6 AU-Tage je 1 000 BKK-Mitglieder. 2014 gab es je 1 000 BKK-Mitglieder 74,1 AU-Tage durch Burnout (Abb. 48).

Da jedoch Burnout als Krankheitsentität nicht eindeutig definiert ist und weiterhin keine eigene primäre Kennzeichnung in der Krankheitsklassifikation zur Verfügung steht, beziehen sich die dargestellten Zahlen wie im Vorjahr auf den ICD-Schlüssel Z73 »Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung«. Nicht selten dürfte allerdings die entsprechende Symptomatik auch mit dem ICD-Code F43.0 »akute Belastungsreaktion«, dem ICD-Code F48.0 »Neurasthenie« (Ermüdungssyndrom) oder dem ICD-Code R53 »Unwohlsein und Ermüdung« verschlüsselt werden, so dass die Zahl der Betroffenen möglicherweise höher liegt als die der unter Z73 ausgewiesenen Fälle.

Lothar Schröder, u.a.
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